﻿] 20	Ueber das physiologische Privat-Laboratorium
akademie zu Berlin gehaltenen Vortrag »als einen den Geist unserer Tage charakterisirenden Gesichtspunkt das Streben hervorgehoben, die mechanische Weltanschauung auszubauen, eine Weltanschauung, in welcher es sich vor Allem nur um das Verhältniss der Causalität, um die Feststellung von Ursache und Wirkung handelt, um die Zusammenstellung der Gesetze, welche die Ereignisse beherrschen. Darum steht im Vordergründe aller geistigen Bestrebungen die Naturwissenschaft — die Naturwissenschaft in ihrer mannigfachen Zerlegung. Allgewaltig ist ihre Herrschaft — dergestalt, dass Alles, was irgend wie auf irgend einem Gebiete zn einer wahrhaften Erkenntniss zu kommen strebt, in die Wege der Naturwissenschaft einbiegt.«
Ich hin nun seit langer Zeit der innigsten Ueherzeugung, dass von allen Zweigen der Naturwissenschaft die Physiologie oder Biologie eine geradezu centrale Stellung im weiten Gebiete der geistigen und materiellen Bestrebungen einnimmt, in so fern ihr Object die Erforschung des »Lehens« ist, und es daher gar keine Leistungen und Beziehungen oder Interessen des Menschen gehen kann, welche nicht in einem mehr oder weniger innigen solidarischen Zusammenhang mit dieser Wissenschaft stehen würden. Auch dürfte nach meiner Meinung keine andere Wissenschaft im Stande sein in wirksamerer Weise die w a h r e A u f k 1 ä r u n g zu fördern, als eben die h e u t i g e Physiologie, welche im Sinne der m e c h a n i s c h e n Weltanschauung alle die dunklen und in ihren Consequenzen die freie Forschung hemmenden Vorstellungen von der Existenz und Wirksamkeit einer besonderen mysteriösen »Lebenskraft« erfolgreich bekämpft und aufzuhellen sucht.
Ich verstehe hier (nach einem Citate Lecky’s) unter der wahren Aufklärung, mit Kant, »den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen sich seines Verstandes ohne Leitung eines Anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschliessung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines Anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen !«
Beiläufig bemerkt habe ich denn auch diesen Wahlspruch der Aufklärung hier in diesem Saale mit Lapidarschrift anbringen lassen. Ihm gegenüber steht, nicht blos zur Wahrung der Symmetrie, sondern als ein nicht minder in diesen Baum passender Spruch oder Zuruf, welcher den Besuchern des hiesigen Gewandhaussaales so geläufig ist : »Res severa est verum gaudium.« —