120 	Ueber das physiologische Privat-Laboratorium


akademie zu Berlin gehaltenen Vortrag. als einen den Geist unserer
Tage charakterisirenden Gesichtspunkt das Streb en hervorgehoben,
die mechanische Weltanschauung auszubauen, eine Weltanschauung,
in welcher es sich vor Allem nur um das Verhltniss der Causalitt,
um die Feststellung von Ursache und Wirkung handelt, uni die Zu-
sammenstellung der Gesetze, welche die Ereignisse beherrschen.
Darum steht im Vordergrunde aller geistigen Bestrebungen die Natur-
wissenschaft - die Naturwissenschaft in ihrer mannigfachen Zer-
legung. Allgewaltig ist ihre Herrschaft - dergestalt, dass Alles, was
irgend wie auf irgend einem Gebiete zu einer wahrhaften Erkenntniss
zu kommen strebt, in die Wege der Naturwissenschaft einbiegt.
	Ich bin nun seit langer Zeit der innigsten Ueberzeugung, dass
von allen Zweigen der Naturwissenschaft die Physiologie oder
Biologie eine geradezu centrale Stellung im weiten Gebiete der
geistigen und materiellen Bestrebungen einnimmt, in so fern ihr
Object die Erforschung des  Lebens  ist, und es daher gar keine
Leistungen und Beziehungen oder Interessen des Menschen geben
kann, welche nicht in einem mehr oder welliger innigen soli-
darischen Zusammenhang mit dieser Wissenschaft stehen wrden.
Auch durfte nach meiner Meinung keine andere Wissenschaft im Stande
sein in wirksamerer Weise die wahre Aufklrung zu frdern, als
eben die hentige Physiologie, welche im Sinne der mechanischen
Weltanschauung alle die dunklen und in ihren Conseqnenzen die freie
Forschung hemmenden Vorstellungen von der Existenz und Wirksam-
keit einer besonderen mysterisen Lebenskraft erfolgreich
bekmpft und aufzuhellen sucht.
	Ich verstehe hier (nach einem Citate LECKY's( unter der wahren
Aufklrung, mit KANT, den Ausgang des Menschen aus seiner selbst-
verschuldeten Unmndigkeit. Unmndigkeit ist das Unvermgen sich
seines Verstandes ohne Leitung eines Anderen zu bedienen. Selbst-
verschuldet ist diese Unmndigkeit, wenn die Ursache derselben nicht
am Mangel des Verstandes, sondern der Entschliessung und des
Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines Anderen zu bedienen.
Sapere aude! Habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu
bedienen! 		-
	Beilufig bemerkt habe ich denn auch diesen Wahlspruch der
Aufklrung hier in diesem Saale mit Lapidarschrift anbringen lassen.
Ihm gegenber steht, nicht blos zur Wahrung der Symmetrie, sondern
als ein nicht minder in diesen Raum passender Spruch oder Zuruf,
welcher den Besuchern des hiesigen Gewandhaussaales so gelufig ist:
Res severa est verum gaudium. -
