6 	Populäre physiologische Vorträge.


hung zwischen Herz und Gemüth existirt, welche der Sprachgebrauch
nicht unberechtigt bis zur Idenfificirung der, beiden Ausdrücke 
steigert
- das ist eine Thatsache der täglichen Erfahrung. Wer von uns hätte
sein Herz nicht stärker und rascher pochen gefühlt bei einer frohen
Nachricht, welche der elektrische Draht unverhofft brachte? - oder
wenn freudiges Gelingen die Mühen langer Arbeit lohnte, ungeduldige
Erwartung den quälend langsamen Schritt der Zeit verwünschen liess?
Wer von uns hätte nicht empfunden, dass das Herz wiederum träge,
schwach und langsam schlug, wenn tiefe Entmuthigung oder Trauer
die Stimmung unseres Gemüthes verdüsterte? Ja die meisten werden
schon erfahren haben, dass das Herz momentan ganz stillstehen
konnte, wenn eine erschütternde Kunde sie unerwartet - wie ein
Blitz aus heiterem Himmel - traf, oder eine unmittelbare Gefahr mit
all' ihren überwältigenden Schrecken plötzlich an sie herantrat!
	In der That, wem sollten entgangen sein die so verschiedenartigen
Veränderungen der  Herzthätigkeit während der Momente  enthusiasti-
scher Begeisterung, zorniger Wallung, peinlicher Verlegenheit, 
sittlicherEntrüstung, angstvoller Erwartung, lähmenden Schreckens,
überwältigender Freude - -? Doch wozu die Beispiele häufen,
vielleicht hat sich eben jetzt, während ich davon spreche,
in mancher Brust hier im Saale - infolge wach gerufener Erinnerungen
und Gefühle die Energie und Zahl der Herzschläge geändert! -
	Kurz, in zartbesaiteten wie in derbern Naturen ist der Paralle-
lismus der Gemüths- und Herzbewegungen ein so auffallender, dass
es niemand wundernehmen kann, wenn der innige Zusammenhang
beider Erscheinungen seit jeher die Aufmerksamkeit der Menschen
gefesselt und zur figürlichen Vertauschung von Gemüth und Herz ver-
anlasst hat.
	Welches sind nun aber die gehcimnissvollen Fäden jenes wunder-
baren Zusammenhangs? Welches sind die verborgenen Wege, die so
direct vom Sitze des Gemüthslebens zum Herzen führen - dem
mechanischen Centrum des Blutkreislaufs?
	Durch welche Einrichtungen und Vorgänge wird der offenkundige
Parallelismus zweier so differenter Thätigkciten vermittelt?
	Diese Fragen nach dem gegenwärtigen Standpunkt der Experi-
mentalphysiologie zu beantworten; eine Erklärung zu geben, wie die
Regungen des Gemüthes vermittelst des Nervensystems die Thätigkeit
des Herzens beeinflussen, dies eben soll den eigentlichen Gegenstand
meines heutigen Vortrags ausmachen!
	Zunächst muss ich Sie jedoch eine Strecke Weges durch das wenig
anmuthige Gebiet anatomisch-mechanischer Vorstellungen führen, um
