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JÀMGrAM XIXX.
1890.
HEFT IV BIS VI.
Neubau des physiologischen Institutes der Universität Marburg.
(Mit Zeichnungen auf Blatt 19 bis 23 im Atlas.)
Abb. 4.
Hauptgesims vom Capellenausbau. 1:20
Für das physiologische Institut der Universität Marburg wurde, abweichend von den seitherigen ähnlichen Anstalten, ein Bau errichtet, in welchem der Unterricht in der Physiologie nach der morphologischen, chemischen, physicalischen und rein physiologischen Seite möglichst gleichmäßig gepflegt und anschaulich gestaltet werden kann. So ist der Bau nicht nur für den zeitigen Leiter des Institutes, dessen Forschungen auf den neueren Gebieten der Physiologie bahnbrechend geworden sind, sondern überhaupt den Anforderungen der Neuzeit entsprechend ausgerüstet, besonders aber Gelegenheit gegeben, die Studirenden selbst zu rein physiologischen und physiologisch-chemischen Arbeiten in gröfserer Zahl praktisch anzuleiten.
Als Bauplatz stand das südlich der Elisabethkirche, an der nach dem Deutschhaushofe führenden Strafse belegene Grundstück zur Verfügung, auf welchem die kurz vorher infolge Uebersiedelung in einen umfangreichen Neubau verlassene alte ' medicinische Klinik mit ihrem Zubehör sich befand. Während der Bauausführung konnte nur ein Theil der alten Klinik, deren Umfassungsmauern Beste eines Hospitals der heil. Elisabeth sind, niedergelegt werden, während ihre Stehenblei benden Theile nochmals zur vorübergehenden Aufnahme von Bäumen für das ebenfalls durch Neubau zu ersetzende pathologische	Ll
Institut eingerichtet wurden.
Es sei hier gestattet, von diesem dem Abbruch geweihten Ueberbleibsel des 13. Jahrhunderts das Bemerkenswertheste einzuschalten, zumal wohl kaum an anderer Stelle seiner gedacht werden wird. Beim Abbruch des nördlichen Theiles wurden die als ursprünglich erkennbaren Beste des alten Hospitales von den späteren Aenderun-gen und Zuthaten befreit, und es gelang, eine den früheren Zustand deutlich zeigende Buine herauszubilden, die durch Aufmessung und Lichtbild-Aufnahe der Ueberlieferung erhalten wurde.
Der Mittelbau und der südliche Flügel des alten Bauwerks bestehen zur Zeit noch und werden erst, nachdem für die jetzt darin befindlichen Wirthschaftsräume der nebenan liegenden chirurgischen Klinik Ersatz geschaffen worden ist, abgebrochen. Soweit aber bis jetzt erkennbar, bestand das alte Elisabethhospital aus einem rechteckigen Saalbau, der nur an der Westseite durch etwa 2,5 m über Fufsboden hoch liegende, rundbogig geschlossene Fenster mit beiderseits abgeschrägten Leibungen erleuchtet war. Inmitten der Kückwand ist dem Saale ohne Trennung ein Capellenausbau angefügt, der mit drei Seiten des Achtecks geschlossen
Zeitschrift f. Bauwesen. Jahrg. XXXX.
Abb. 3.
Abb. 2.
Grundrifs des Capellenausbaues.
ist und sieben Fenster besessen "hat (Abb. 1 u. 2). Consolartige Auskragungen im Inneren daselbst, welche jedoch durch die späteren Einbauten völlig ihrer Profilirungen beraubt sind, und die Strebepfeileranordnung lassen erkennen, daß diese Capelle gewölbt war, wogegen der Hauptraum mit Sicherheit als ungewölbt und mit gerader Balkendecke versehen angenommen werden darf. Beim Abbruch konnte außerdem nur noch die ehemalige Beschaffenheit des Putzes und der Färbung des Innenraumes festgestellt werden. Der sehr dünne Putz haftete sehr fest auf dem Steine, war blaßrosa gefärbt und durch loth- und wagerecht eingerissene, weiß gemalte Fugen quaderartig eingetheilt. Den bemerkenswerthesten Theil bildet das Aeufsere des Capellenausbaues (Abb. 1). Auf gemeinschaftlichem Unterbau sitzen die kräftigen, mit doppeltem Sockelprofil (Abb. 3) versehenen Strebepfeiler, auf welche bis zur Höhe der Gewölbeanfanger reichen und dort pultdachartig abgedeckt sind, während lisenenför-mige Fortsetzungen bis dicht unter das Hauptgesims (Abb. 4) reichen und dort in Knäufen endigen. Das Hauptgesims ist augenscheinlich in seiner Lage erhalten. Die Fenster sind zur Zeit noch durch Einbauten verdeckt, doch ist durch Entfernung .des Putzes bereits erkennbar, daß sie spitzbogig geschlossen und ver-hältnifsmäßig tief herabgeführt waren. — Als zu diesem Hospital gehörig ist noch der unter dem nördlichen Theile desselben befindliche Keller zu erwähnen. Er besteht aus zwei wenig spitz-bogigen Kreuzgewölben von Bruchsteinen in Kalkmörtel, die durch einen halbkreisförmigen Gurtbogen aus Schnittsteinen getrennt sind. Zugänglich ist er durch eine auf der Ostseite kellerhalsartig vorgelegte, überwölbte Treppe, die wahrscheinlich erst in späterer Zeit derartig umgelegt wurde, daß sie vom Inneren des Gebäudes aus begangen werden konnte. Die Beleuchtung erfolgte durch zwei bedeutend über dem Gewölbescheitel und daher mit langem Lichtschacht nach dem Inneren versehene Fenster an der Nordseite. Um den einstigen Standort des ajten Hospitales zu kennzeichnen, soll dessen baulich wichtigster Theil, der Capellenausbau, von seinen späteren Zuthaten befreit, in den Gartenanlagen des neuen Instituts als Buine erhalten werden.
Das physiologische Institut ist aus Bücksichten der Gewinnung eines guten Standpunktes für die Betrachtung der .Elisabethkirche thunlichst an die Ostgrenze gerückt worden; der
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Sockelgesims des Capellenausbaues. 1:40