Ueber das Orthoskop. 	89

dem Brechungsverhältniss zwischen der Luft und dem dichteren Me-
chum; 3. von der Mächtigkeit des Mediums in der Richtung der Sehlinie,
und endlich 4. von den mathematischen Eigenschaften und der Lage
der Trennungsflache. Die verschiedene Dicke der den Gegenstand
deckenden Schichte des dichteren Mediums hat in so fern Einfluss auf
die Verhältnisse des Bildes, als die Lichtstrahlen länger oder kürzer
ihre ursprüngliche Richtung beibehalten. Dass die Gestalt der Treu-
nun gsfläche ebenfalls von Bedeutung sei, ist einleuchtend, wenn man
sich nur der dioptrischen Erscheinungen bei sphärischen Begrenzungs-
flachen der brechenden Medien erinnert.
	Mit den Gesetzen der Strahlenbrechung vertraut, kann man für
einen speciellen Fall aus dem verschobenen Bilde die wahre Lage des
Gegenstandes berechnen, wenn man die nthigen Data besitzt, oder
durch Versuche a posteriori bestimmen, und den Fehler, welcher durch
die Ablenkung entstanden ist, im Geiste verbessern; allein nichts desto
weniger bleibt die unmittelbare sinnliche Wahrnehmung dieselbe, und
verleitet uns immer wieder zu dem Fehlschluss über die wahre Lage,
hätten wir ihn auch so eben theoretisch berichtigt. Wir erhalten auf
diese Weise unter Umständen falsche räumliche Anschauungen, und
sind dann nicht im Stande, aus der einfachen Wahrnehmung sofort ein
richtiges Urtheil über die objectiven Verhältnisse, deren genaue Kennt-
niss uns von Bedeutung sein kann, zu fallen.
	So hat man bei der Untersuchung der inneren Theile des Auges,
welche in physiologischer oder pathologischer Hinsicht an lebenden Indi-
viduen vorgenommen wird, namentlich wenn es sich um eine mehr seitliche
Ansicht handelt, mit jenen Schwierigkeiten der in diesen Fällen ohne
Zweifel wichtigen Beurtheilung der objectiven räumlichen Verhältnisse
zu kämpfen. Die inneren Theile des Auges, so weit dieselben von
Aussen her sichtbar sind, erfahren eine Gestaltveränderung und eine
scheinbare Verschiebung aus ihrer natürlichen Lage, weil die von ihnen
reflectirten Strahlen aus den stärker lichtbrechenden Medien des Auges
in die Luft gelangen und an den sphäroidischen Trennungsflachen ge-
brochen werden. Wollen wir auch von dem Brechungsverhältniss
zwischen Cornea und Humor aqueus ganz absehen, und die Substanz
der Cornea überhaupt gar nicht in Rechnung bringen: so it doch das
Verhältniss zwischen Humor aqueus und Luft von der Art, dass die
Lichtstrahlen bei ihrem Austritte eine bedeutende Ablenkung vom Ein-
falislothe erfahren müssen. Die Folge hievon ist, dass die vordere
Augenkammer ihre Tiefe verliert, und keine Profilansicht gestattet;
die Iris wölbt sich scheinbar vor, und füllt mit ihrem Bilde nahezu den
ganzen von der Cornea begrenzten Raum aus. Wir sind an gesunden
