94 	Ueber das Orthoskop.

stischer Bedeutung sein, und giebt dem Physiologen Gelegenheit, ein
lebendiges Auge in seinen wahren Verhältnissen zu studiren. Ich
selbst hatte bei der CQnstruction meines Apparates den Zweck, die
etwaigen Ortsveränderungen der Linse, welche zu Erklärung des
Accommodationsvermögens von Einigen vorausgesetzt werden, direct
zur Anschauung zu bringen. Die Resultate dieser Untersuchungen
werde ich an einem anderen Orte mittheilen.
	Bezüglich der Anwendbarkeit des Apparates, namentlich in der
Augenheilkunde, ist noch dem Einwurfe zu begegnen, dass der Ein-
druck des Wassers ein unleidlicher sei und üble Folgen haben könne.
Es ist allerdings wahr, dass es nicht gerade angenehm ist, das Auge
unter Wasser aufzuthun, allein man kann es ganz gut an dieses Me-
dium gewöhnen, wie ich an mehreren meiner Freunde und an mir
selbst erfahren habe. Ueberdies kann das Wø ser etwas erwärmt
oder mit schleimigen Mitteln oder mit Eiweiss u. dgl. versetzt werdend
Die Patienten, welche im Prager Hospitale auf der Klinik des Hrn.
Prof. ARLT und der Abtheilung des 'Hrn. Dr. HASNER mit dem Appa-
rate untersucht wurden, haben sich auch nicht sehr empfindlich
gezeigt und keine üblen Folgen verspürt. Immerhin bleibt ein der-
artiges Augenbad ein Reiz, und der Arzt wird etwaige Contraindica-
tionen wohl berücksichtigen müssen.
	Wir haben bisher von den Veränderungen, welche der Beobachter
an dem zu untersuchenden Auge im Allgemeinen gewahrt, und von
dem localen Effect der unmittelbaren Berührung der Conjunctiva durch
das Wasser gesprochen. Es bleibt uns nun noch zu erörtern, in
welcher Weise das Sehen in subj ectiver Hinsicht alterirt ist, und
welche Veränderungen der optischen Verhältnisse der Untersuchte an
seinem Auge erfährt.
	Die Frage, »ob man unter Wasser sehen könne«, ist schon vor
langer Zeit aufgeworfen, und auf mathematisch-physikalischem Wege
exact beantwortet worden. Die Aussagen berühmter Taucher, welche
alle aus Erfahrung sprechen wollen, stimmen jedoch nichts desto
weniger gar nicht überein; die einen haben bejahend, die andern ver-
neinend geantwortet. Man wird sich durch folgende Betrachtung
leicht überzeugen, dass die Wahrheit in der Mitte liegt, und der
scheinbare Widerspruch in den Aussagen erfahrener Taucher nur durch
die Ungenauigkeit im Ausdruck bedingt sei. Kommen die Licht-
strahlen, welche von einem leuchtenden Punkte nach allen Seiten
ausströmen, beim gewöhnlichen Sehen in der Luft an die convexe
Fläche der Cornea, so erfahren sie eine bedeutende Brechung zum
Einfallsiothe; gegen die optische Achse des Auges abgelenkt, erreichen
