88 	Ueber das Orthoskop.

'bei der Brechung vom Lothe hingegen einen grössten Einfallswinkel,
welcher ebenfalls stets kleiner als ein rechter sein muss, wenn der
Lichtstrahl noch in das zweite weniger dichte Medium gelangen soll.
Wird bei der Brechung vom Lothe der durch den Exponenten bestimmte
grösste Einfallswinkel überschritten, so erfolgt an der Trennungsfläche
statt einer Brechung eine totale Reflexion des Lichtstrahls, welcher
dann in das dünnere Medium gar nicht hineinkommen kann. Die
dioptrischen Gesetze schlagen hier in die katoptrischen um. 'Die un-
mittelbare, für unsere räumlichen Gesichtswahrnehmungen wichtige
Folge der Ablenkung der Lichtstrahlen von ihrer ursprünglichen•Rich-
tung ist die Verrückung oder Verschiebung der Bilder, welche sie von
ihren Gegenständen hervorzubringen im Stande sind. Wenn wir z. B.
in schräger Richtung ins Wasser sehen, so müssen die am Grunde
liegenden Gegenstände auf anderen Punkten unserer Retina ihre Bild-
chen entwerfen, als wenn - bei unveränderter Stellung und Lage des
Auges - das Wasser abgelassen würde, und erscheinen uns deshalb
je nach der verschiedenen Ablenkung der Lichtstrahlen an anderen
Orten im Raume 1).
	Ich erinnere hier an ein bekanntes, leicht zu wiederholendes Ex-
periment, welches zugleich sehr instruetiv ist. Man nehme ein leeres
Gefäss, lege auf den Boden desselben ein Geldstück und stelle sich so,
dass der freie Rand des Gefässes die Münze vollständig verdeckt. Nun
lasse man nach und nach Wasser einfüllen - doch langsam, damit das
Geldstück nicht von seinem Platze fortgeschwemmt werde. In dem
Maasse, als das Niveau des Wassers steigt, rückt dann, ohne dass der
Beobachter seine Stellung im Geringsten ändert, das Geldstück über
den es verdeckenden Rand hervor, und man bemerkt zugleich, dass
sich der ganze Boden des Gefässes scheinbar verschiebt und erhebt.
Die Erklärung dieser Erscheinung folgt aus dem vorigen mit Leichtigkeit,
und es ist überdies möglich, durch Anwendung der oben erörterten
Gesetze der Brechung die allgemeinen Bedingungen für die Beschaffen-
heit und Grösse der Ablenkung solcher Bilder a priori festzustellen.
Die Grösse, die Lage und der Ort der Bilder, welche von Gegenständen
herrühren, die sich unter Wasser oder sonst einem stärker brechenden
Medium als Luft befinden, hängen überhaupt ab: 1. von der Lage und
der räumlichen Beziehung der Gegenstände zu dem Beobachter; 2. von

	Diese Erfahrung über die scheinbare Ortsveränderung der Gegenstande
kann Jene, welche sich aus Mangel an Uebung in Sachen der Speculation nicht
gleich auf den subjectiven Standpunkt erheben können, auf den richtigen Weg
des Nachdenkens und zum Verständniss der subjectiven Natur unserer sinnlichen
Wahrnehmungen bringen. Doch dies nur beiläufig.
