Ueber das Orthoskop. 	95

sie daher die Linse und werden, wenn das Auge für die betreffende
Entfernung eingerichtet ist, auf der Retina wieder in einem Punkte
vereinigt. Versetzt man in Gedanken das Auge und den leuchtenden
Punkt unter Wasser, ohne jedoch an dem Accommodationszustand des
ersteren und der Entfernung des letzteren das Geringste zu ändern, so
wird der Gang der Lichtstrahlen im Auge dennoch verändert und die
Vereinigungsweite eine ganz andere sein müssen. Denn es wird, da
das Wasser eine weit grössere lichtbrechende Kraft besitzt als die
Luft, das Brechungsverhältniss an der Oberfläche der Cornea ganz
unbedeutend, und die Lichtstrahlen können daher auch nur unbedeu-
tend der optischen Achse zugebrochen werden. Die Linse empfängt
jetzt relativ-divergirende Lichtstrahlen, und könnte sie erst in einer
bedeutenden Entfernung hinter der Retina zu einem Punkte vereinigen.
Auf der Retina entsteht demnach ein Zerstreuungskreis und kein deut-
liches Bild. Ich lasse hier eine Berechnung Über den Verlust an
brechender Kraft eines unter Wasser befindlichen Auges folgen, welche
in GEHLER's physikalischem Wörterbuch Band IV, Abtheilung 2, S. 1384
zu finden ist: »Genauer genommen ist das Brechungsverhältniss des
Lichtes aus Luft in die wässerige Feuchtigkeit des Auges n: 1 1,337;
das Brechungsverhältniss aus Wasser in die wässerige Feuchtigkeit des
Auges= w: 1 = 1,00075. Setzt man also den Halbmesser der Cornea
==3",75; den Abstand des gesehenen Objectes=d=10', alles
in Pariser Fussmaass, und sucht dann die Brennweite des Bildes hinter
der Linse= f, so findet man:
1=		= 16'',3982. Wird in dieser Formel statt n die
	(n-i) d-Q
Grösse w substituirt, so findet man:
1 = (w-1)d- 	123",043, das heisst, die aus einer Entfernung
von 10 Zoll kommenden Lichtstrahlen werden durch den Einfluss der
Brechung gar nicht zum Brennpunkte vereinigt, sondern würden diese
erst in einer Entfernung von 10 Zoll zum Brennpunkte vereinigt werden,
wenn sie aus einem Abstande von 10 Zoll 3 Linien ins Auge fielen«. Das
Auge wird unter Wasser ungeheuer weitsicht i g, da die optische Wir-
kung der Cornea und des Humor aqueus, welche zusammen als eine Linse
von etwa 16", 3982 Brennweite betrachtet werden können, beinahe ganz
weg fällt. Sehr kurzsichtige Individuen werden unter Wasser im All-
gemeinen weniger schlecht sehen als Weitsichtige. Wollte man unter
Wasser dennoch klare Bilder von den Gegenständen erhalten, so
musste man, wie ein Staaroperirter und aus demselben physikalischen
Grunde wie dieser eine Sammellinse vors Auge nehmen. Das Auge
