TJeber das Orthoskop. 	99

	Dem Lampenlichte, welches bei der Anwendung der Augenspiegel
gebraucht wird, dürfte in manchen Fällen das Tageslicht vorzuziehen
sein. Durch eine, freilich etwas umständliche Regulirung und Con-
centration könnte man das Tageslicht, ohne Zweifel, für die Anwen-
dung der Augenspiegel brauchbar machen.:
	Das Ort ho s ko p 1) erfüllt die oben erörterten Bedingungen, durch
welche der Grund des Auges der Untersuchung zugänglich gemacht wird,
auf die einfachste Art und kann bei heller Tages- und Lampenbeleuch-
tung nicht blbs zur Untersuchung der vorderen Augenkammer, sondern
auch der Retina und der übrigen inneren Theile, wie ein Augenspiegel,
gebraucht werden. Die Versuche mit dem Orthoskop, welche Herr
Prof. ARLT in dieser Beziehung auf seiner Klinik angestellt hat, haben
ein sehr befriedigendes Resultat gegeben. - Die ursprüngliche Form
des Orthoskops kann nach den Bedürfnissen des Praktikers leicht
modificirt werden, so dass die Anwendung desselben beim Tages- oder
Lampenlichte ungleich geringere Schwierigkeiten macht und weit
weniger Uebung erfordert, als die Anwendung der verschiedenen
Augenspiegel. Der Grundgedanke, welcher die Veranlassung zur Con-
struction des Orthoskops gab, war der: Die Brechung und Ab-
lenkung der Lichtstrahlenan der vorderen Oberfläche
der Cornea möglichst zu verhüten. Diese Forderung wurde
erfüllt, indem das Auge auf passende Weise unter Wasser gesetzt
wurde. Zur Ansammlung des Wassers diente ein vor dem Auge an-
gebrachtes, durchsichtiges Kästchen. Ich habe oben den Einfluss
des Wassers, welches nahezu denselben Brechungsexponenten hat wie
der Humor aqueus und die Cornea, auf den Gang der einfallenden und
aus dem Auge reflectirten Lichtstrahlen erörtert. Das Auge wird im
höchsten Grade weitsichtig; die Vereinigungsweiten der Lichtstrahlen,
welche von näheren und ferneren Gegenständen ausgehen, fallen in
verschiedener Entfernung hinter die Retina. Auf der Retina selbst
entstehen somit grosse Zerstreuungskreise. Der vordere Brennpunkt
des Auges wird vom Auge abgerückt und die aus dem Inneren reflec-
tirten Strahlen erleiden nur noch durch die Krystalllinse eine erhebliche
Ablenkung von ihrer Richtung. Bei einiger Ueberlegung erkennt man
leicht, dass auf diese Weise jene Verhältnisse, welche die Wahrnehm-

	Nach der gelehrten Berichtigung des Hrn. Dr. CIIAMER in Groningen
(Tijdschrift der Nederlandsche Maatschappij tot Bevordering der Geneeskunst.
Januarij 1852. p. 46) hat schon PETIT ein solches Instrument in der Histoire 
de
1'Académie royale de chirurgie 1728, beschrieben, ohne jedoch, wie es 
scheint,
eine weitere praktische Anwendung davon gemacht zu haben.
7*
