﻿1G6
Reisebilder aus Holland in Briefen an Hrn. Prof. Purkyne.
wenn ich nicht irre von Esox lucius—in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Axencylinder der entspringenden Nervenfasern. Wagner hat vor einiger Zeit die »ketzerische« Ansicht ausgesprochen, dass der Axencylinder das Wesentliche am Nerven sei, dass derselbe von der Markscheide zwar als einer blos umhüllenden, isolirenden Schichte überzogen werde, aber unmittelbar nach seinem Ursprünge aus der Ganglienkugel und eine Strecke vor seiner Endigung nackt gefunden werde. Der eine Theil dieser Anschauung wird durch Harting’s Präparate für den besondern Fall bestätigt. Sie erinnern sich vielleicht noch, dass mir schon in Breslau, bei meinen Untersuchungen über den Nervus acusticus des Störs, dieselben Ideen Uber den Axencylinder gekommen sind, dass ich sie aber als unbewiesene Meinung noch nicht auszusprechen wagte. Dass durch das Harting’scIic Präparat die Existenz des Axencylinders, welchen die Mikroskopiker durch Sie kennen gelernt haben, auch im lebendigen Nerv mehr als wahrscheinlich wird, kann kaum bezweifelt werden. Seine Darstellbar-keit ist schon seit Ihren Veröffentlichungen anerkannt worden.
Die Mikroskopie wird in Utrecht mit der Gründlichkeit und dem Ernste einer exacten Wissenschaft getrieben, und nicht, wie das wohl anderwärts zuweilen passirt. als Liebhaberei und Gemüths- und Augenergötzung. Eine gründliche mathematische und p h y s i k a-1 i s c h e Bildung, welche sich in Holland wie eine Tradition forterbt, und ein exacter Geist sind in der ganzen Methode der dortigen Forscher nicht zu verkennen. Man kann hier lernen, wenn man es nicht schon weiss, dass man zum Mikroskopiren mehr als ein Paar gesunder Augen mitbringen muss. Die Mikrometrie, wohl von Niemand so weit ausgebildet als von Harting, liât durch eben diesen Forscher eine ganz neue Bedeutung und an Breite der Anwendung gewonnen. Seine Recherches micrométriques sind aber im Allgemeinen viel zu wenig berücksichtiget und ihrem p r i n c i p i e 11 e n Werthe nach ungenügend gewürdiget worden. »Eine spätere Zeit wird die Gleichgiltigkeit der Zeitgenossen, deren Viele theils vor einem Wurzelzeichen einer algebraischen Formel erschrecken, theils aus Bequemlichkeit oder Beschränktheit ihrer Bestrebungen, theils aus anderen Gründen die mathematische Behandlung ignoriren, sühnen«. Der Weg, welchen Harting angebalmt hat, muss in der Zukunft betreten und fortgebaut werden.
Hierbei fällt mir ein, dass eine grosse Anzahl unserer Studenten seit den letzten zwei Jahren zu den medicinischen Studien zugelassen wurde, welche es nicht der Mühe wertli gefunden haben, sich hinreichende mathematisch - physikalische Vorkenntnisse zu erwerben. Es