﻿Ueber den Stiel der Vorticellen.
179
Auffassungen in gleichem Maasse einseitig und unvollständig sind. Die Vorticellen ziehen ihre Stiele nicht nur zusammen, sondern strecken sie auch wieder aus. Sucht man das contractile Element, so darf man das expandirende nicht vergessen, denn zum Ausstrecken des Stieles bedarf es ebenso gut einer Kraft, welche sich in irgend einem seiner llestandtheile äussert, als zum Zusammenschnellen.
Der alte Schrank hat trotz aller Mangelhaftigkeit und zum Theil Unrichtigkeit der Beobachtung dennoch die Mechanik des Vorticellenstieles insofern richtiger als Ehrenberg und Dujardin erfasst, als er den motorischen Antagonismus berücksichtigt und nicht blos das Zusammenschnellen im Auge hat. Nach Schrank ist das Ausstrecken der Stiele ein activer, durch einen, unter dem Willenseinflusse des Thieres stehenden Apparat bedingter Vorgang, während das Zusammenschnellen gewissermaassen passiver Natur ist, indem es nur durch Unterbrechung der expandirenden Thätigkeit eingeleitet wird und in der Federkraft der gewaltsam auseinander gezogenen Spirale des Stieles seinen Grund hat. In entgegengesetzter Weise hat in neuerer Zeit F. Gerber die Sache aufgefasst. Er spricht sich darüber in seinem Handb. der allgem. Anatomie des Menschen und der Haus-säugethiere. Bern 1840, S. 92 folgendermaassen aus : . . . »Das Thier ( Vorticella) bewirkt in seiner Umgebung mittels seiner am Becherrande auf Wärzchen sitzenden Wimpern wirbelnde Bewegungen und erhascht dadurch herbeigeführte organische Molecttlen oder kleinere Infusorien, dass es seinen Stiel schnell korkzieherartig zusammenzieht und .'die Glockenöffnung schliesst : diese Bewegung gründet sich, wie ich richtig beobachtet zu haben glaube, auf die Zusammensetzung des Stieles aus einem Schwellgefäss (?), welches das Thier durch Druck mit einer Flüssigkeit füllt und so ausstreckt erigirt , und einem feinen spiral um das Gefäss gewundenen Muskelfaden, welcher das Zurückschnellen bewirkt. So wäre das einfachste erectile Organ mit dem einfachsten Muskel zur Bildung des vollständigen motorischen Antagonismus vereinigt.« Nach Gerber geschieht also sowohl das Einrollen als das Strecken der Stiele activ und durch directen Kraftaufwand des Thieres.
Meine eigenen Untersuchungen über den fraglichen Gegenstand, welche ich bereits vor mehreren Jahren anstellte und nach einer langen Unterbrechung kürzlich wieder vornahm, haben mich gelehrt, dass der Stiel der Vorticellen aus einem hyalinen (meist merklich bandartig abgeplatteten) Hauptfaden besteht, welcher einen excentrisch gelagerten, in steil aufsteigenden Schraubentouren um die Längsachse laufenden, feinen Kanal einschliesst. In diesem Kanal befindet sich ein
12*