﻿Beiträge zur Physiologie des Tastsinnes.	H21
3. dass die Blinden im Allgemeinen einen beträchtlich feineren Ra um sinn besitzen als die Sehenden. Die erwachsenen Blinden scheinen an Feinheit des Raumsinnes sogar die sehenden Kinder zu übertreffen.
Vergleicht man die Zahlen der Columne P., Tab. III mit den Zahlen der Columne W., Tab. I, so erkennt man, dass sich an vielen Stellen die ersten zu den letzteren verhalten etwa wie 1 zu 1'/2, dass somit der erwachsene Blinde einen beiläufig t'/2mal feineren Raumsinn besitzt, als der erwachsene Sehende.
I. Dass die Schärfung des Raumsinnes bei Blinden allgemein ist und nicht etwa nur auf jene Hautregionen sich beschränkt, welche fast ausschliesslich zum Tasten gebrauch t und i m Tasten geü bt werden. Fs scheint dies unsere oben ausgesprochene Meinung zu bestätigen, dass der Grund der Verfeinerung des Raumsinnes bei Blinden wesentlich nur in der Ausbildung der subjectiven Momente, welche offenbar das Unterscheidungsvermögen für alle Tastempfindungen, sic mögen wo immer entstehen, schärfen muss, zu suchen sei.
Hiermit hängt ohne Zweifel auch der leicht zu constatircnde Umstand zusammen, dass die Angaben der Blinden über die Wahrnehmungen ihres Tastsinnes ungleich sicherer und präciscr ansfallen, als die Angaben der Sehenden.
Blinde empfehlen sich daher vor Allen zu feineren Untersuchungen über den Tastsinn.
So z. B. bestätigen Blinde viel leichter als Sehende folgende von Weber gemachte Beobachtung.
» Wenn man mit den Spitzen des geöffneten Zirkels auf der Haut eines Anderen zwei parallele Linien zieht, und zugleich dafür sorgt, dass beide Spitzen mit gleicher Kraft auf die Haut drücken, so glaubt der Beobachter zu fühlen, dass die Bahnen auf manchen Theilcn der Haut sich einander nähern, auf anderen sich von einander entfernen. Sie scheinen an den Theilcn der Haut zu divergiren, wo die Zirkel-spitzen bei ihrer Bewegung von stumpfer fühlenden Hautthcilcn an feiner fühlende übergehen ; sic scheinen dagegen dann zu convergiren, wenn sie von feiner fühlenden Ilauttheilcn auf stumpfer fühlende übergehen. Bei einem gewissen geringen Abstande von einander erregen die Zirkelspitzen das Gefühl, als wenn nur eine einzige Linie auf der Haut beschrieben würde.«1)
Schliesslich muss ich noch eines Umstandes erwähnen, welcher
1 Vergl. Weber: Ueber den Umimsinn a. a. O.. S. !).'(.
C 7. ermak, Sclirifto ».
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