﻿340
Beitrüge zur Physiologie des Tastsinnes.
Weber, wenn er sagt, (lass »die Empfindung, die ein jeder Empfin-dungskreis hervorbringt, in uns die Vorstellung von einem liaum-elemente erweckt«, und dass »die dunkle Erinnerung, wie viel unberührte Empfindungskreise auf welchen wir schon oft Empfindungen gehabt haben , zwischen den berührten Empfindungskreisen der Haut liegen, in uns die Vorstellung von einem Zwischenraum erweckt, der um so grösser zu sein scheint, je mehr unberührte Empfindungskreise von dem Zirkel überspannt werden«; — denn »gesetzt auch, der Seele werde mit jeder qualitativen Empfindung zugleich jenes Localzeichen zugeführt, das nun bestehen möge, worin es wolle, ist es nicht dennoch eine Erschleichung«, wenn Lotze behauptet, »dass sie hierdurch allein befähigt und genöthigt würde, ihre Empfindungen nicht nur überhaupt auseinander zu halten, sondern sie auch räumlich von einander zu scheiden ?«
Diese Frage muss man meiner Ansicht nach ohne Rückhalt vollständig nicht nur zum Th eil, wie Lotze will bejahen. »Zwar, dass das Bewusstsein jene Empfindungen, welche sich mit verschiedenen Localzeichen assoeiirt haben, überhaupt aus einander halten müsse, dürfen wir als gewiss ansehen : aber allerdings würde ihre Unterscheidung ja noch immer in jener intensiven Weise erfolgen können, in welcher wir die gleichen Töne von verschiedenem Timbre wahrnehmen. sie aus einander haltend zwar, aber doch nicht so, dass ihre Unterschiede als räumliche Distanzen erschienen«.
Es ist vergebens, wenn Lotze diesem vernichtenden Einwurf, welchen er sich übrigens selbst macht, durch Folgendes begegnen will : »Bind einmal alle geometrischen Verhältnisse, welche zwischen den Theilen der äusseren Reize und noch zwischen den ihnen entsprechenden Eindrücken im Nerven bestanden, in dem blos intensiven Dasein verschwunden, welches den Vorstellungen in der Beele allein zukommt, und sollen sie aus diesem reconstruirt werden, so müssen an den einzelnen Empfindungen intensive Merkzeichen angebracht sein, welche die Lage ihrer Objecte im Raume vertreten, und aus welchen die Beele die räumliche Ordnung wieder herstellen kann. H icrznallei n sollen jene Localzeichen dienen«. Denn hat Lotze durch seine Theorie der Localzeichen nicht m e h r tlnm wollen und zu thun geglaubt, als überhaupt die Noth wendigkeit intensiver Erregungen bei derUcber-leitung geometrischer Verhältnisse zur Beele behufs räumlicher Anschauungen zu urgiren; so hätte er sich begnügen können, einfach darauf hinzuweisen, dass eine Anschauung der wirklichen Lage äusserer Objecte nicht auf dem Wege der »Auffassung«, sondern nur auf dem der »Wiedererzeugung der Räumlichkeit« vermittelt