﻿Beiträge zur Physiologie des Tastsinnes.

ganze Hautfläche stetig erfüllen* 1). Jeder sensible Hautpunkt gehört daher vielen Empfindungskreisen an, nimmt aber in jedem derselben eine andere relative Lage zum Mittelpunkte’ein. In so weit die Empfindungskreise dieselben sensiblen Punkte gemeinschaftlich umfassen — sich decken, in so weit fallen auch die durch diese Empfindungskreise repräsentirten Raumeinheiten zusammen, so dass in uns die Vorstellung eines nach zwei Dimensionen des Raumes ausgedehnten Continuums erweckt wird.
1 Ich habe schon vor mehr als ti Jahren den Gedanken an eine Interferenz der Empfindungskreise ausgesprochen und für die Theorie des Raumsinnes zu ver-verthen gesucht (»lieber die Hautnerven des Frosches«, Müll. Arch. 1S41», S. 252). Damals hielt ich mich noch ganz an die WEBEKschen Begriffsbestimmungen, und meine Bemerkungen sollten nur ein Amendement der Weber'schon und keine neue Hypothese sein. Weber aber hat sich nicht die Mühe genommen, das Wort •interferiren« in dem von mir gebrauchten Sinne zu verstehen und geglaubt, durch folgende Verdrehung des Sinnes meiner Worte das unbequeme Amendement mit einem, auf eine nichtssagende Phrase gestützten Machtspruch zu vernichten. Weber sagt 1. c. »Ueber den Raumsinn« Seite IIS; : »Verstehe ich dieses Wort (das sich Interferiren der Empfindungskreise; richtig, so meint er (ich, die Empfindungskreise grenzten nicht Idos an einander, sondern sie deckten sich zum Tlieil und an den Orten, wo sie sich deckten, störten (?!) sich die daselbst ausgebreiteten Nerven einander in ihrer Function, so dass man dort keine scharfen räumlich unterscheidbaren Eindrücke erhalten könnte. Allein es ist nicht anzunehmen, dass die Nerven sich so verbreiten, dass sie sich gegenseitig stören ,!. und in ihren Wirkungen vernichten ! «
Ich halte jede Erwiederung hierauf nunmehr für überflüssig, da ich überzeugt bin. dass Weber bei genauerer Ucberleguugdas Missverständnis, das seinen sonst so klaren Blick nur in einem Moment einer übrigens unerklärbaren Gereiztheit trüben konnte, längst selbst erkannt und bei sich berichtigt habe und ferner, dass er nicht mehr geneigt sein kann , einerseits die durch keine anatomische That-saclie gestützte Annahme scharf begrenzt neben einander liegender Verästelungsgebiete der Primitivfibrillen noch festhalten, andererseits das factische Zu-sammenfliessen seiner Empfindungskreise zu höheren Raumeinheiten,— den von mir so genannten Empfindungskreisen, und deren auf dem Wege des Experimentes exact nachweisbaren Interfere n z leugnen zu wollen.
Schliesslich bemerke ich, dass nur Kölliker Mikr. Anatomie. 1S50, Bd. II,
I. Hälfte, Seite 30—43; den von mir zuerst ausgesprochenen Gedanken an eine Interferenz der Empfindungskreise richtig gewürdigt und verwerthet hat, obschon er eine meiner damaligen Voraussetzungen, welche ich jetzt nicht mehr festhalte, missverstanden, aber nicht wie Meissner zu glauben scheint (1. c. Seitell widerlegt hat. Wenn Kölliker übrigens sagt 1. c. Seite 40 : »man müsste die Empfindungskreise Weber s gewissermaassen ins Rückenmark an die Enden der eigentlichen Rückenmarksfasern von Volkmann verlegen, dieselben ebenfalls verschieden gross annehmen und mit Czermak sich interferiren lassen«, so hatte er offenbar eine Ahnung von den von mir charakterisirten Empfindungskreisen und ich kann daher nicht zweifeln , dass sich Kölliker meiner vermittelnden Hypothese völlig ansehliesscn wird.