﻿Beiträge zur Physiologie des Tastsinnes.
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eine andere, nicht minder interessante Seite des Versuches jedoch fast ganz übergangen. Ich meine eine schon bei geringer Aufmerksamkeit leicht zu constatirende Erscheinung, welche ich das » Verkeil rt-f ü h 1 e n« nennen möchte.
Stellt man nämlich den Versuch mit den gekreuzten Fingern der rechten Hand an, und hat das vermeintliche Doppeltfühlen des einfachen Tastobjectes einen hinreichend hohen Grad von Illusion erreicht die Täuschung tritt bekanntlich mit wechselndem Deutlichkeitsgrade auf, ja sie kann sogar ganz verschwinden, wenn man sich die ungewöhnliche Lage der Finger vergegenwärtigt und in Rechnung bringt, so wird man finden, dass das rechts erscheinende Tastbild von dem Eindrücke der linken Seite des Tastobjectes auf den links liegenden Ulnarrand des Mittelfingers, das links erscheinende Tastbild hingegen von dem Eindrücke der rechten Seite des Tastobjectes auf den rechts liegenden Radialrand des Zeigefingers bedingt ist. Denken wir uns das einfache Kügelchen in zwei neben einander liegende, ein rechtes und ein linkes zerschnitten, so ist es hiernach selbstverständlich, dass im Tastbilde das rechte Kügelchen links, das linke rechts erscheinen müsse, dass wir somit das Nebeneinander der Tastobjecte in verkehrter Ordnung wahrnehmen, dass wir mit einem Worte »verkehrt fühlen«.
Da es immerhin einige Schwierigkeiten — wenigstens Unbequemlichkeiten hat, die von mir hervorgehobenen Erscheinungen, beider Kreuzung zweier Finger hervorzurufen und genau zu beobachten, so habe ich nach anderen Organen gesucht, an welchen sich mit grösserer Leichtigkeit die zu dem Versuche erforderliche Verschiebung der Anordnung der peripherischen Tastnerven bewerkstelligen Hesse, und bin auf den Gedanken verfallen, mit den leicht verschiebbaren und durch einen sehr feinen Ortssinn ausgezeichneten Lippen zu experi-mentiren. An den Lippen gelingen die Versuche in der That mit grösster Leichtigkeit und überraschendster Klarheit. Die Ränder der Lippen verhalten sich auf ähnliche Weise, wie die in der gewöhnlichen Fingerstellung einander zugekehrten Ränder der Finger. Schliesst man unbefangen den Mund, so berühren sich die rotlien Ränder der Lippen ihrer ganzen Länge nach mit gleichnamigen, correspoudirenden Punkten vgl. Taf. 18, Fig. 24) und bilden ein sensibles Continuum, wie wenn die Mundspalte gar nicht vorhanden wäre. Die Form, Lage und Entfernung der Tastobjecte, welche die Lippen berühren, werden den objectiven Verhältnissen vollkommen entsprechend wahrgenommen. Drückt man ein Wachskügelchen oder das abgerundete Ende eines Federhalters in die Mundspalte, so dass die Lippen an correspondiren-