﻿Beitrüge zur Physiologie des Tastsinnes.
323
die beschriebenen Tastzuckungen bei allen Blinden Vorkommen und wie hoch etwa ihr Einfluss auf die Feinheit der Kaumsinuswahrnehmungen anzuschlagen wäre.
§ 3. Ueber das Verhältniss zwischen der Ausdehnung der Haut und dem Feinheitsgrade des Raumsinnes.
Aus dem Vorangehenden hat sich ergeben, dass unter übrigens gleichen Umständen die Feinheit des Kaumsinncs in einem gewissen Verhältnisse zur linearen oder quadratischen Ausdehnung der Haut stellt. Nimmt cacteris paribus die Grösse der Ilautausdchnung zu, so vermindert sich die Feinheit des Raumsinnes in einem bestimmten Verhältnisse und umgekehrt. Dieses Verhältniss nun genauer zu ermitteln, soll im vorliegenden § unsere Aufgabe sein.
Meine begonnenen Beobachtungen an den vier Knaben würden unter der Voraussetzung, dass während des Wachsthumes, ausser der Vcrgrösscrung der Haut fläche, keine die Feinheit des Kaumsinncs beeinflussenden Verändc-rungcn weder in dem Tastnervensystem (namen11 ich im centralen ' , noch sonst irgendwo vor sich gehen, zur Lösung dieser Aufgabe brauchbar sein, indem man die früher für die Knaben, später für die Erwachsenen gefundenen Zirkelabstände mit der linearen und quadratischen Ausdehnung, welche die betreffenden Hautstellen einst im Knabenalter und dann nach vollendetem Waclis-thume hatten, vergleichen könnte und hieraus sofort erfahren würde, in welchem Verhältnisse die Hautausdehnung zu-, die Feinheit des Kaumsinnes aber abgenommen habe.
Da jedoch die Beobachtungen an den Knaben erst nach Jahren ihren Abschluss linden können, ferner eine Voraussetzung siche oben . welche nicht nur nicht zu erweisen, sondern, wie ich später zeigen werde, geradezu zu widerlegen ist, und genaue Messungen der durch das Wachsthum gesetzten Vcrgrösscrung der einzelnen llaut-regioncn, welche kaum mit hinreichender Genauigkeit und Sicherheit auszuführen sein dürften, unumgänglich noting machen, so eignen sic sich in der That wenig oder gar nicht zur Lösung unserer Aufgabe.
Ich habe mich daher nach anderen Objecten und einem einfacheren Verfahren umgesehen und bin auf den sehr nahe liegenden Gedanken gekommen, den Feinheitsgrad des Kaumsinnes an künstlich oder natürlich ausgedehnten und gespannten Hautstücken während und vor oder nach der Dehnung zu bestimmen und zu vergleichen, um auf diese Art ermitteln zu können, ob die durch die Vcrgrösscrung