﻿Beiträge zur Physiologie des Tastsinnes.
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Dass man sich bei Weber's Hypothese nicht beruhige könne geht, wie mir scheint, schon daraus hervor, dass Weber eine Anordnung der Enden der sensitiven Nerven voraussetzt, welche durch den wirklichen anatomischen Befund nicht im Entferntesten gerechtfertigt oder auch nur wahrscheinlich gemacht wird : solche scharf abgegrenzt neben einander liegende Verästelungsgebiete der einzelnen Primitivfibrillen, oder etwas der Art, hat noch Niemand in der menschlichen Haut gesehen und vermittelst des Mikroskopes nachgewiesen1 2 .
Die LoTZK-MEissxER'sehe Hypothese ist aber eben so wenig stichhaltig, als die Weber sehe, indem dieselbe gar nichts von festen Empfindungskreisen wissen will. — da doch ohne die Annahme einer Beziehung zwischen fixen, eorrespondirenden. geometrischen Verhältnissen an der Peripherie und im Centrum eine Erklärung gewisser Erfahrungen unmöglich ist: oder wie wollten Botze und Meissner im Sinne ihrer Ansicht die im § 3 niedergelegten Erfahrungen über das Verhältniss zwischen der Ab- und Zunahme der linearen Ausdehnung der Haut und der dadurch gesetzten Veränderung des Feinheitsgrades des Raumsinnes, auf eine ungezwungene Weise deuten? wie die in Folge des Wachsthumes eiutretende Abstumpfung der Feinheit des Kaumsinnes ?
Ich wenigstens weiss diesen Einwürfen im .Sinne der Auseinandersetzung Meissner's- nicht zu begegnen. Ja es will mir sogar scheinen,
1	Vcrgl. Meissner’s Beiträge zur Anatomie und Physiologie der Haut. Leipzig 1853.
2	A. a. O., S. 44: »Ein jeder Reiz, welcher die Haut an irgend einer Stelle trifft, wird nothwendig, mag er noch so beschränkt und fein sein, mehr als einen sensiblen Punkt treffen, da einerseits an vielen Hautstellen die sensiblen Punkte so nahe an einander gerückt sind, dass schon die Wirkung des Reizes in gerader, senkrechter Richtung ihrer mehrere treffen muss, und da andererseits neben dieser Wirkung auch eine in seitlicher Richtung, im Umkreis jener, stattfinden muss, gewissennaassen ein Zerstreuungskreis des Reizes gebildet wird. Bei der Einwirkung jedes Druckes, jedes Tastreizes also wird ein Complex von sensiblen Punkten erregt. Es ist nun kein Grund vorhanden anzunehmen, dass dies Verhältniss, welches immer stattfinden muss, nicht auch von Bedeutung für das Zustandekommen des Inhalts der entsprechenden Empfindung sein sollte; und so ist es denkbar, dass vielleicht die Erregung der Punkte, welche dem Zerstreuungsoder Irradiationskreise eines Reizes angeboren, in irgend welcher Weise für die Seele das Localzeichen des Reizes ausmacht, dessen eigener qualitativer Inhalt dann durch die Wirkung in gerader Richtung, durch die Erregung der Punkte, welche das Centrum des Irradiationskreises bilden, wahrgenommen würde. Ist es nun erlaubt anzunehmen, dass die Erregung einer bestimmten Zahl sensibler Punkte einen solchen Irradiationskreis, soferne er für die Seele das Localzeichen abgeben soll, bilden muss, so dass also dann wohl zu unterscheiden sein würde.
Czerrnak, Sclirlften.	22