396 	Zur Orientirung 1111 Gesammtgebiete der Zoologie.

unbefriedigt bleiben; denn, dass eine solche Wirbelsule allen jenen
Thieren gemeinschaftlich sei, ist noch lange nicht der geforderte Be-
weis. Warum sollen wir nicht das geschlossene Gefsssystem oder die
in ihm eireulireude Flssigkeit von eigenthmlieher Zusammensetzung
als ein gemeinschaftliches Merkmal aller Wirbelthiere ansehen knnen?
Und was hilft uns nun aus der Verlegenheit, welches jener Merkmale
wir als den Ausdruck eines besondern Grundtypus und somit als ein
zusammenfassendes Moment anwenden sollen? Denn auch dadurch
unterscheidet sieh das natrliche System wesentlich von allen knst-
lichen, dass es, wie die Natur selbst, nur ein einziges ist und dass die
Merkmale, welche es jedem Complex von Thierformeu voranstellt, die
einzigen charakterisireuden sind und somit die Berechtigung aller
andern ausschliessen, denn sie sind stets der Ausdruck eines Grund-
oder abgeleiteten Typus und nicht als augenfllige Erscheinungen
willkrlich erwhlt. Wir werden also im natrlichen Systeme nie
sagen, dieses oder j cues Merkmal  knne, sondern  msse  als cha-
rakteristisch angefhrt werden, ein Muss, welches zugleich die Noth-
weudigkeit eines Beweises und somit eine wissenschaftliche Basis vor-
aussetzt. Demzufolge wird auch das wissenschaftliche System frei
bleiben von allen negativen Diagnosen, wie von der Zulssigkeit von
Ausnahmen. Immer, wo wir diese finden, sind sie uns das sicherste
Zeichen, dass das aufgestellte Gesetz seinem ganzen Wesen nach un-
richtig oder wenigstens nicht allgemein genug gewesen ist  .
	CUVIER hat, wie schon gesagt, den Typus der Wirhelthiere
richtig erkannt, aber er musste uns den Beweis fr seine systematische
Berechtigung schuldig bleiben, denn das Gewordene lsst sich nur im
Werden begreifen, und dafr war CUVIER'S Zeit noch nicht vorbereitet.
- Betrachten wir den Begriff der Species als den speciellsten im ge-
sammten Systeme, indem fr uns die Art das Gleichartige, keine Thei-
lung mehr Zulassende umfasst, so muss nothwendiger Weise diesem
speciellen Begriff der allgemeinere, bergeordnete, der der Gattung
(Genus) vorangehen, oder, was dasselbe ist, der Organismus muss,
ehe er als vollendete Form mit allen seine Species charakterisirenden
Merkmalen versehen auftritt, vorher die, welche ihn einer bestimmten
Gattung beiordnen, an sich aufzuweisen haben; und sofort mssen am
Organismus je frher, desto allgemeinere Charaktere, am Beginn der
Entwickelung aber die allgemeinsten oder Grundtypen auftreten. Wir
 haben also ein Recht, den schon von C. E. V. BAER, dem Vater der
heutigen Zoologie, aufgestellten Satz, dass sich aus einem allgemeinen
Typus stets der speciellere hervorbilde, als ein allgemein giltiges Ge-
setz auszusprechen. Dass dieses Gesetz auch wirklich mit der Er-
