394 	Zur Orientirung im Gesammtgebiete der Zoologie.

Bereich der Zootomie und nicht, wie es gewhnlich geschieht, in jenes
der Physiologie gestellt habe, wird man gerechtfertigt finden, wenn
man bedenkt, dass die Zootomie ihrem Begriffe nach nicht auf die
Zergliederung der erwachsenen Thiere beschrnkt werden kann, son-
dern die Anatomie der Thiere in allen Alterszustnden umfassen muss.
Und was ist denn die Zoomorphose in ihrer gegenwrtigen Bearbeitung
Anderes, als die Anatomie der einzelnen Entwicklungsstadien be-
stimmter Thierindividnen in chronologischer Folge und Anordnung?
Ja, in dieser Beziehung ist die Zootomie, wenn nmlich darunter, wie
gewhnlich, die Anatomie der erwachsenen organisch vollendeten
Thiere verstanden wird, nur ein aus der Entwicklungsgeschichte her-
ausgerissenes Blatt! Freilich lsst sieh die Bildung der Organismen
auch unter dem physiologischen Gesichtspunkte betrachten, allein dann
entsteht eine ganz andere Wissenschaft als die heutige Zooniorphose,
eine Wissenschaft, die ein Zweig der Physiologie ist, deren Bearbei-
tung aber zum grssten Theil der Zukunft vorbehalten bleibt.
	III. Ein dritter Gesichtspunkt, unter welchem die Thiere erschei-
nen, fhrt zur Betrachtung derselben nach ihrer Verbreitung im Raume
und in der Zeit. Hiernach spaltet sieh 4 as zoologische Wissen in die
Geozoologie1) oder Thiergeographie und in die Palaeozoologie
oder Thiergesehiehte. Das Wort Palaeozoologie scheint fr den Begriff
der Thiergesehiehte zwar zu eng, indem die Thiergesehiehte das Auf-
treten der verschiedenen Thierformen auf der Erde durch tlle Sch-
pfungsepochen hindurch bis inclusive auf die Gegenwart zu verfolgen
hat; allein wir knnen das Wort in Ermangelung einer andern Be-
ziehung um so eher beibehalten, als der grsste Theil der Thier-
geschichte lngst vergangene Perioden der Entwicklung des Thier-
reichs behandelt und selbst die gegenwrtige Phase derselben nicht
nur der Gegenwart, sondern auch bereits der (jngsten) Vergangen-
heit - dem Anfang der jetzigen Schpfungsperiode nmlich - an-
gehrt.
	Die unermessliche Flle des unter den bezeichneten drei Gesichts-
punkten gewonnenen Wissens von den Thieren und ihrer Natur drngt
zur Gruppirung und Zusammenfassung der erkannten Thierformen in
kleinere und grssere, natrliche Abtljeilungen nach der Verwandt -
schaft ihrer Organisation und ihrer Lebenserscheinungen.
	Unter diesem IV. Gesichtspunkte entsteht eine neue Diseiplin der
wissenschaftlichen Zoologie - die Systematik, die als thierisehe
Verwandtschaftslehre  zur Aufstellung des natrlich en S y stem s

	L. K. SCHMARDA: die geographische Verbreitung der Thiere.' Wien 1853.
Gerold.
