﻿418
Ideen zu einer Lehre vom Zeitsinn.
Stande sein dürften, andere Facligenossen zur Untersuchung des anziehenden, bisher ausschliesslich von Philosophen und Psychologen berührten Gegenstandes anzuregen.
Es handelt sich hier natürlich nicht um die metaphysische oder psychologische Erklärung der Fähigkeit, Zeitvorstellungen überhaupt zu bilden, sondern einfach um die physiologischen Bedingungen der Wahrnehmungen objectiver Zeitverhältnisse, und nur missverständlich könnten bei dieser Gelegenheit Grenzstreitigkeiten zwischen der Psychologie und der Physiologie entstehen !
1.	Wie sich der Baumsinn dadurch bethätigt, dass wir gezwungen sind, gewisse Sinneseindrücke räumlich gesondert vorzustellen, so bethätigt sich der Zeitsinn dadurch, dass wir unsere Empfindungen auch zeitlich aus einander zu halten vermögen.
Während aber bekanntlich nur einige Sinne die Fähigkeit haben, räumliche Anschauungen zwingend zu veranlassen, dürfte die Auffassung der zeitlichen Verhältnisse der Eindrücke im Allgemeinen wohl durch alle Empfindungsorgane vermittelt werden können.
Der Zeitsinn scheint also eine viel grössere Verbreitung zu haben als der Kaumsinn, und daher mit doppeltem Rechte die Bezeichnung eines »Generalsinnes« zu verdienen.
2.	E. H. Weber hat durch genaue Messungen nachgewiesen, dass in den verschiedenen, mit Raumsinn begabten Organen, ja selbst in den verschiedenen Regionen derselben Organe, die Schärfe oder die Feinheit. mit welcher Eindrücke räumlich gesondert werden können, sehr verschieden sei. dass diese Feinheit des Raumsinnes überall eine bestimmte untere Grenze habe, d. h. endlich (und nicht wie die abstracto Raum Vorstellung unendlich sei. ferner dass dieselbe objective Raumgrösse, z. B. die Distanz zweier Punkte, dem stumpferen Organe gar nicht oder kleiner, dem schärferen aber grösser erscheine, u. dgl. in.
In allen diesen Beziehungen wäre nun auch der Zeitsinn zu untersuchen.
Aehulich wie der Grad der Feinheit des Raumsinnes durch die kleinste noch wahrnehmbare Distanz zweier gleichzeitiger und ungleichzeitiger Eindrücke gemessen wird 1 . würde der Grad der Feinheit des Zeitsinnes in dem kleinsten noch wahrnehmbaren Zeitintervall zwischen zwei auf denselben Punkt und auf räumlich verschiedene Punkte eines Empfindungsorgans gemachte Eindrücke einen exacten Ausdruck finden.
1 Czermak: Zur Lehre vom Raum sinn, in Moleschott's Untersuchungen zur Nat. fl. M. u. d. Th. Band I, Heft 2, S. 195.