﻿420
Ideen zu einer Lehre vom Zeitsinn.
Fall der Geschwindigkeit von Bewegungen im Raume, von welchem ich hei der Entwickelung dieser Gedankenreihe ausgegangen war.
Die Geschwindigkeit einer gleichförmigen Bewegung v lässt sich bekanntlich durch den Quotient, den der Zahlenwerth des Weges r, durch jenen der zugehörigen Zeit t getlieilt, gibt, v = ausdrücken und messen.
Es entsteht nun die Frage, ob diese Formel für den Mechanismus der sinnlichen Wahrnehmung von Bewegungs-Geschwindigkeiten (welche von der Wahrnehmung durch Reflexion wohl zu unterscheiden ist) in der Art Geltung hat, dass uns eine Geschwindigkeit caeteris paribus um so grösser erscheinen wird, je grösser der zurückgelegte Theil unseres subjectiven Raumbildes ist, d. h. je mehr Raumeinheiten oder »Empfindungskreise« successive erregt wurden, dass also die Seele behufs der Wahrnehmung und Unterscheidung von Geschwindigkeiten entweder die in der Zeiteinheit zurückgelegten Wege durch den Raumsinn, oder die für die Raumeinheit benöthigten Zeiten durch den Zeitsinn vergleicht; oder ob nicht etwa die verschiedene Schnelligkeit der successiven Reizung und die Zahl der innerhalb einer gegebenen Zeit gereizten sensiblen Punkte einen besonderen, intensiven Erregungszustand setzt, welcher die Seele unmittelbar zur Vorstellung einer bestimmten Geschwindigkeit nöthigt?
Ehe an die Möglichkeit einer Entscheidung dieser schwierigen und interessanten Frage gedacht werden kann, wird man zunächst genauere Thatsachen Uber die wenig gekannten Wahrnehmungen von Geschwindigkeiten räumlicher Bewegungen sammeln müssen; denn die bekannte Beobachtung, dass wir uns die wahrgenommene Geschwindigkeit einer und derselben objectiven Bewegung durch optische oder perspectivische Vergrösserung oder Verkleinerung des durchlaufenen Raumes beschleunigen oder verzögern können, betrifft eben nur eine sogenannte Sinnestäuschung, die insofern keine Beziehung zu unserer Frage hat, als in diesen Fällen die Geschwindigkeit des bewegten Netzhautbildchens, welches ja das eigentliche Sehobject ist, in der That nicht dieselbe bleibt.
Ich würde folgende, mitunter sehr delicate Versuchsreihen Vorschlägen. welche, wenn auch nicht die Entscheidung jener Frage, so doch ganz neue einschlägige Thatsachen liefern müssen.
a) Es wäre für jede einzelne der mit einem verschiedenen Fein-heitsgrade des Raumsinnes begabten Regionen unserer Sinnesorgane *)
1 Prof. Ludwig hat mich auf einige einschlägige Sehversuche älteren Datums aufmerksam gemacht, welche in Valextin’s Physiologie, Bd. II, S. 1S4. zusammengestellt sind.