﻿Ideen zu einer Lehre vom Zeitsinn.
419
Zur Ausführung solcher Versuche wäre nur die Herstellung eines einfachen Instrumentes nothwendig, durch welches man mit bekannter beliebig veränderlicher Geschwindigkeit eine Reihe von Eindrücken auf die Empfindungsorgane hervorbringen könnte.
Dass sich auf diese Weise in verschiedenen Organen in der That verschiedene Grenzen und Abstufungen der Feinheit des Wahrnehmungsvermögens für Zeitintervalle werden nachweisen lassen, unterliegt wohl kaum einem Zweifel, denn erstens hat diese Vermuthung die Analogie der überraschenden Verhältnisse des Raumsinnes für sich, und zweitens lehrt die Erfahrung, dass die Schnelligkeit der Succession von Impulsen bestimmte Maxima nicht überschreiten darf, wenn die einzelnen Eindrücke noch zeitlich unterschieden werden, und nicht verschmelzend, in eine einzige Empfindung von anderer, oft specifisch verschiedener Qualität Umschlägen sollen. Ich erinnere an die Versuche Valentin’s über die Dauer der Nachwirkung von Tasteindrücken, an die SAVART Schen Zahnräder zur Hervorbringung von Tönen u. s. w.1}.
Die »Nachwirkungen«, welche bei dieser Auffassung in einem neuen Lichte erscheinen, spielen unter den physiologischen Bedingungen des Zeitsinnes eine ähnliche Rolle, wie, unter jenen des Raumsinnes, die sogenannten physikalischen Zerstreuungskreise an den Bildern auf Netzhaut und Haut2).
Wie sich jedoch nicht alle Abstufungen der Feinheit des Raumsinnes aus den physikalischen Zerstreuungskreisen erklären lassen, ebenso wenig dürften auch die muthmaasslichen Verschiedenheiten der Feinheitsgrade des Zeitsinnes einfach nur auf die »Nachwirkungen« zurttckzuführen sein.
In dieser Beziehung wäre es von besonderer Wichtigkeit zu ermitteln, ob nicht etwa dasselbe objective Zeitintervall, durch verschiedene Organe zur Wahrnehmung gebracht, verschieden lang erscheine, und wie gross die Differenzen objectiver Zeitintervalle sein müssen, wenn diese letzteren als verschieden erkannt werden sollen, wobei die absoluten und relativen Grössen dieser Differenzen zu berücksichtigen3), und die einzelnen Organe hinsichtlich ihres Auffassungsvermögens für dieselben objectiven Verhältnisse zu vergleichen wären.
3. Die Unterscheidung der Länge der Zeitintervalle führt uns auf den allgemeinen Begriff der Geschwindigkeit und auf den speciellen
1	Dass derZeitsinn verschiedene Feinheitsgrade besitzen kann, beweist schon die verschiedene Befähigung der einzelnen Individuen hinsichtlich des Takthaltens in der Musik.
2	Czermak a. a. 0., S. 191. — Weber, Müller s Archiv, 1835, S. 156.
3	Weber. Müller’s Archiv, 1835, S. 158.
27*