﻿Ueber reine und nasalirte Vocale.
166
lieber Niederschlag von Wasserdämpfen auf dem Spiegel sofort das starke Ausströmen der Luft durch die Nase und das Geöffnetsein der Gaumenklappe an.
Hiernach könnte man geneigt sein zu vermuthen. dass reine und nasalirte Vocale sich blos dadurch unterscheiden möchten, dass hei den ersteren die Luft durch den Mund allein, hei letzteren durch Mund und Nase zugleich ausströme.
Diese Vermutlmng wäre jedoch unrichtig, denn Brücke sagt schon in seinen »Grundzügen etc.« S. 28: »dass es sich von seihst verstehe, dass nicht der Ausfluss der Luft aus der Nase als solcher den Nasenton hervorbringe, sondern die Schwingungen der Luft in der Nasenhöhle«.
Die Luft in der Nasenhöhle wird aber nur dann in merkliche Schwingungen versetzt, wenn die Menge der durch die Nase ausströmenden Luft die durch die Stellung der hinreichend geöffneten Gau-menklappe in einem bestimmten Verhältnis steht zu jenem Luftstrome, welcher seinen Weg durch den Mund nimmt.
Desshalb nasalirte auch das von Brücke 1 mit gewohntem Scharfsinne untersuchte Mädchen, dem das Gaumensegel durch Syphilis vollständig zerstört worden war, zwar alle Vocale, »aber keineswegs alle so stark, wie sie ein Gesunder zu nasaliren im Stande ist. Der Grund hiervon lag aber in dem Mangel des Gaumensegels, das bei uus. wenn es die Bachennasenüflhung nicht verschliesst, herabhängt und so den Weg, welcher der Luft gegen die Mundhöhle hin offen stellt, beschränkt«.
Nach dem Gesagten darf es uns daher nicht Wunder nehmen, dass die Vocale selbst dann noch keinen sehr auffallenden Nasenton erhalten. wenn man die Gaumenklappe mit Absicht ein klein wenig öffnet, so dass sich der Spiegel, der in dieser Beziehung das Ohr an Empfindlichkeit bei weitem übertrifft, schon zu beschlagen anfängt, oder, dass manche Menschen, die aus Unachtsamkeit, Bequemlichkeit, übler Angewöhnung oder regelwidriger Beschaffenheit der Sprach-organe, unabsichtlich die Gaumenklappe nicht absolut luftdicht schliessen '— was die Spiegelprobe augenblicklich anzeigt — doch nicht nothwendig eine merklich näselnde Aussprache zu haben brauchen.
Uebrigens tritt bei sonst normalen Sprachorganen der zuletzt erwähnte ausnahmsweise Umstand am leichtesten hinsichtlich des u ein, u as im besten Einklang steht mit der von mir zuerst experimen-
1 »Nachschrift zu II. Prof. Kudeuka’s Abhandlung etc.« S. 91.