	Ueber Schopenhauer's Theorie der Farbe.	815
gleich beibehalten und dieser kann wiederum ganz aetiv, oder
ganz ruhend, oder zwischen beiden, d. h. intensiv theilweis thtig
sein. Nach Maassgabe hiervon nun wird alsdann die Farbe, statt in
ihrer vollen Energie, sich blass, oder auch schwrzlich, in vielen Ab-
stufungen zeigen.
	Man sieht leicht ein, dass in diesem Falle eine Vereinigung
der intensiven Theilung der Thtigkeit der Retina mit der quali-
tativ en Statt hat. Am anschaulichsten wird dieses dadurch, dass,
wenn man eine durch ein ihr unwesentliches Schwarz verdunkelte und
geschwchte Farbe betrachtet, ihr darauf als Spectrum sich zeigendes
Complement um eben so viel Blsse geschwcht erscheint. Wenn
man eine Farbe lebhaft, energisch, brennend nennt, so bedeutet dies,
dem Gesagten zufolge, dass bei ihrer Gegenwart die ganze Thtigkcit
des Auges sich rein thcile, ohne dass ein ungetheilter Rest brig
bleibe').

	I Was SCHOPENHAUER hier meint, und durch den qualitativ ungetheilten Rest
der Thiitigkeit der Retina, der aber zugleich in verschiedenem Verhltniss 
inten-
siv gethcilt sein kann, erklrt, nennt man heute: Farben ton, Sttigung und
Helligkeit, welche drei Grssen das Bewusstsein in jeder Farbenempfindung
unterscheidet.
	Es kann auch hier Niemand verkennen, dass wir namentlich auf die Frage:
wann die Intensitt und Sttigung einer Farbe am allergrssten
s ein wird? heute noch keine krzer und allgemeiner formulirte physiologische
Antwort geben knnen, als die, welche SCHOPENHAUER im obigen ausgesprochen
hat, nmlich: dann, w cnn die qualitative Theilung der Thtigkcit
der Retina ohne Rest stattfindet; - nur knnen wir noch hinzufgen,
dass dieser Fall nur dann eintreten wird, wenn die maximale Erregung einer 
der
drei Fasergattungen allein, mit Ausschluss der zwei anderen, oder j e zweier
Fasergattungen zusammen von denen wenigstens die eine in maximo erregt sein
mnnss, ohne gleichzeitige Erregung der dritten vorhanden wre, wobei denn in
der That die Theilung der Thtigkeit der Retina so rein und vollstndig sein
wrde, dass das als Farbe erscheinende Hervortreten der einen Hlfte, keine
Spur von Weiss d. i. gleichzeitige und gleichstarke Erregung aller drei 
Faser-
gattungen) als qualitativ ungetheilteu Rest offenbaren, und auch nur so viel
wesentliche Dunkelheit enthalten kann, als der anderen nuerregt zurck-
gebliebenen complementreu Hlfte entspricht. Dieser Fall bezieht sich auf 
die
Hervorbringung der reinsten, gesttigtesten Urempfindungen der Farben und
wird bekanntlich dadurch annhernd reasirt, dass man dem Auge eine Spectral-
farbe darbietet, fr deren Conmplemcut die Retina vorher ermdet worden ist,
was SCHOPENHAUER, beilufig gesagt, fr ganz unmglich hlt, indem er die so
wichtigen Ermdungserscheinungen nur im Erscheinungskreise der -vollen
Thtigkeit der Retiua kennt und anerkennt. In allen brigen Fllen von 
Biparti-
tion wird und muss hingegen immer ein qualitativ nngetheilter Rest brig 
bleiben
und sich in der bewirkten Empfindung mit und nebst dem hervortretenden 
Farben-
ton besonders geltend machen, denn dann sind stets alle drei Fasergattungen 
im
