S16 	lIeber Schopenhauer's Theorie der Farbe.

	Hiermit glaube ich den brauchbaren und originellen Kern aus der
SCHOPENHAUER eigenthmlichen Farbentheorie herausgeschlt
und gewrdigt zu haben-einer eminent physiologischen Far-
bentheorie, die unverkennbar mit unseren heutigen, in ihrem Detail
und ihrer Exactheit allerdings ungleich hoher entwickelten Anschau



Verhltniss dreier verschieden langer Linien (von denen zwei auch gleich lang
sein knnen) erregt oder unthtig, und dies kann offenbar so aufgefasst 
werden,
als wren alle drei Fasergattungen im Maasse der kleinsten Linie g I e ich 
stark,
entweder erregt oder unthtig (qualitativ ungetheilter Rest) , whrend eine 
oder
zwei der Fasergattungen einen noch grsseren - und zwar grsser in jenem
Maasse, nm welches die zwei letzten Linien lnger sind, als die erste 
kleinste),
- Grad oder Ueberschuss an Erregung oder Uuthtigkeit (rein qualitativer An-
theil der Hlften) besssen.
	Der qualitativ ungetheilte Rest liegt dann nothwendig entweder ganz in der
unerregt, als Complement zurckbleibenden, oder ganz in der als Farbe hervor-
tretenden Hlfte der vollen Thtigkeit der Retina, oder endlich zum The i I 
in
der einen zum Theil in der anderen, also an beide Hlften in verschiedener 
Menge
vertheilt.
	1. Im ersten Falle ist er ganz une rregt und summirt sich als unwe-
sentliche Dunkelheit oder Schwarz des Complements zu der wesentlichen
Dunkelheit desselben, und diese Summe mischt sich in die bewirkte 
Empfindung.
	Dies tritt ein, wenn eine oder zwei der Fasergattungen erregt sind - aber
n i eh tim Maximum, die anderen aber berhaupt gar nicht.
	2. Im zweiten Falle ist der uugetheilte Rest ganz activ und mischt sich
als reines Weiss in die bewirkte Farbenempfindung. Dies erfolgt, wenn von den
suimtlicheu gleichzeitig und verschieden stark erregten drei Fasergattungen
eine oder zw ei derselben im Maximum der Erregung sich befinden. Die Dunkel-
heit des bewirkten ungesttigten, weisslichen Farbentons entspricht dann nur 
dein
w es entlieh unerregt gebliebenen Autheil der einen oder der zwei nur theil-
weise erregten Fasergattungen des Complements.
	3. Im dritten Falle endlich ist der ungetheilte Rest intensiv getheilt und
mischt sich als mehr oder weniger weissliches Grau in die Empfindung, - was
dann geschehen muss, wenn alle drei Fasergattungen gleichzeitig und ungleich
stark erregt sind, aber keine derselben das Erregungs-Maximum erreicht.
	Fr die unmittelbare Empfindung erscheinen Sttigung und Helligkeit in
	der That als Mischungen eines bestimmten Farbentons mit verschiedenen Mengen
	you Weiss und Schwarz (weil Dunkelheit oder Schwarz eben clue positive Em-
pfindungsqualit
t ist, vergleiche Anmerkung 2, Seite 813) whrend fr die heutige
mathematisch-mechanische Behandlung der Farbenempfindungen
natr-
lich Sttiguug und Farbenton nur auf die Intensitt der Empfindung oder die
Erregungsquantitten der drei Fasergattungen zurckzufhren sind, wobei man
sich zu erinnern hat, dass die Strke der Lichtempfindung nicht allein von 
der
lebendigenKraft der Aethersehwingungen abhngt, sondern auch von der Schwin-
guugsdauer derselben, und dass die Empfindungsstarke fr verschiedenartiges
Lieht eine verschiedene Function der Lichtstrke ist. (HELMHOLTZ, Phys. 
Optik,
	5.317.)
