	Ueber Schopenhauer's Theorie der Farbe.	817
ungen, hinsichtlich gewisser Hauptzge und deren allgemein-
ste r Formulirung, in wahrhaft wunderbarer Weise bereinstimmt,
was um so stannenswerther und unerwarteter erscheinen muss, als ihr
Autor niemals ans der unzurechnungsfhigen, absoluten Opposition
gegen den Newtonismus und gegen die exacte naturwissenschaftliche
Methode berhaupt herausgekommen war, und nur ein hchst drftiges
und beschrnktes empirisches Material - die N ach bilder - noch
dazu ganz einseitig bearbeitet hatte. Und wenn auch YouNG's wirklich
epochemachende Hypothese, welche die moderne Farbenlehre aus -
schliesslich begrndet hat, schon 14 Jahre vor dem Erscheinen
der SCH0PENHAuER'sehen Theorie gedruckt zu lesen war, so bleibt es
doch SCHOPENHAUER's Verdienst, in der Farbenlehre einen ganz neuen
und an sich richtigen Weg eingeschlagen, und durch seine physiolo-
gische Theorie die allgemeinste und wesentlichste Grundlage j cd e r
wahren Farbenlehre aufgefunden zu haben - und desshalb muss
SCHOPENHAUER's Theorie, obschon sie erst n a eh der You-,\G'seheu er-
schien, und niemals eine Bedeutung und Wirksamkeit erlangte,
mindestens als eine so zu sagen philosophische Anticipation
unserer heutigen Anschauungen betrachtet werden. Ich setze noch
eine diesbezgliche Stelle her, in welcher sieh SCHOPENHAUER klar
hierber ausspricht )S. 66): ))Wir haben bisher die Farben in ihrer
engsten Bedeutung betrachtet, nmlich als Zustnde, Affectionen des
Auges. Diese Betrachtung ist der erste und wesentlichste Theil der
Farbenlehre, die Farbenlehre im engsten Sinne, welche, als solche
allen ferneren Untersuchungen der Farbe zum Grunde liegen muss,
und mit der sie stets in Uebereinstimmung bleiben mssen. An diesen
ersten Theil hat sich als der zweite zu schliessen die Betrachtung der
Ursachen, welche von aussen als Reize auf das Auge wirkend, nicht
wie das reine Licht oder das Weisse die uugetheilte Thtigkeit der
Retina, in strkerem oder schwcherem Grade, sondern immer nur
eine qualitative Hlfte derselben hervorrufen. -
	Von dem Momente an, wo sieh SCHOPENHAUER der Aufsuchung
der usseren Ursache zuwendet, verfllt er, wie gesagt, ganz und gar
der physikalisch vllig sinnlosen G0ETHE'schen Lehre, gegen welche
er jedoch die Herstellbarkeit des Weissen aus Farben') natrlich auf




	1 Diesem Gegenstande widmet SCHOPENHAUER  10 seiner Schrift. Daselbst
liest man mit wahrem Vergngen den treffenden Passus (S. 43-44): Die Her-
stellung des Weissen aus zwei Farben beruht, unserer Theorie zu Folge, einzig
und allein auf physiologischem Grunde, nmlich darauf, dass es zwei Farben 
seien,
in welche die 'I'liiitigkcit der Retina auseinandergetreten ist, also ein 
physiologi-
sches Farbenpaar, in welchen Sinne allein und ausschliesslich sie 
Ergiinzungs-
Crerinak, Schriften.		52
