804 	Ueber Schopenhauer's Theorie der Farbe.


einigen Dilettanten und Malern - ganz allein die Fahne der GOETHE'-
sehen Farbenlehre, im fruchtlosen Widerspruch mit der gesammten
gelehrten Welt unerschtterlich hoch emporhielt, sondern auch den
Furor Antinewtonieus, wie ich das schon bei seinem Meister aufgetre-
tene wunderliche psychologische Phnomen der absoluten Verstockung
gegen exacte Lichtphysik nennen mchte, - in der krassesten Weise
in seinen Schriften walten liess.
	In Folge dessen also galt und gilt SCHOPENHAUER einerseits
als ein einfacher und unbedingter Nachbeter und Anhnger der
GOETHE'schen Farbenlehre, whrend er andererseits die unglaublichste
Unwissenheit im Gebiete der Physik des Lichtes, auf die roheste Weise
an den Tag legt, und in dieser Beziehung als vollkommen unzurech-
nungsfhig - als anachronitisches Curiosum, erscheint; - und des s -
halb ist sein Bchlein von fachmnnischer Seite ganz einfach gar
nicht durchgelesen worden!
	Auch kann es in der That keinem kundigen Leser zum Vorwurf
gemacht werden, wenn er stutzig wird, und in einem Buche, welches
von Farbentheorie handelt, hchstens zu blttern anfngt, sobald ihm
der Autor gleich auf der zweiten Seite der Vorrede 1) zwar die Ver-
sicherung giebt, er habe 40 Jahre Zeit gehabt seine Farbentheorie auf
alle Weise und bei mannigfaltigsten Anlssen zu prfen, aber sofort
hinzusetzt: jedoch ist meine Ueberzeugung von der vollkommenen
Wahrheit derselben keinen Augenblick wankend geworden, und auch
die Richtigkeit der GOETHE'sehen Farbenlehre ist mir noch
ebenso einleuchtend als vor 41 Jahren, da er selbst
mir seine Experimente vorzeigte.
	In der That ein solches Bekenntniss provocirt ein s o g e grn -
detes Misstrauen jedes kundigen Lesers gegen den Autor, dass es
Niemand sonderbar finden darf, wenn eines solchen Autors Buch ber
Farbentheorie im besten Falle nur flchtig durchgeblttert wird!
- selbst wenn der Autor SCHOPENHAUER ist, oder vielleicht gerade
desshalb, weil SCHOPENHAUER eben fr GOETHE'S unmittelbaren und
treuesten Schler gilt, obschon GOETHE selbst es freilich besser wusste,
indem er ihm die unmuthigen Epigramme widmete:
Trge gern noch lnger des Lehrer's Brden,
	Wenn Schler nur nicht gleich Lehrer wrden;
und
Dein Gutgedachtes in fremden Adern,
Wird sogleich mit dir selber hadern.




Zur zweiten Auflage 1 854 1!).
