806 	Ueber Schopenhauer's Theorie der Farbe.


so hchst complicirten Experimente, mit Inbegriff der sogenannten
Lichtpolarisation und Interferenz, vornhme und den wahren Zusam-
menhang aller dieser Erscheinungen herauszufinden suchte. Eine
Stelle, wie diese, gengt doch wohl?!! -
	Solche Stellen bodenlosesten physikalischen Unsinns sind aber,
wie gesagt, beraus hufig in ScHoPENnhAuER's Schrift; - der leidige
Zufall hatte also offenbar ein sehr leichtes Spiel, um zu bewirken, dass
dieselbe gerade von den wissenschaftlich competentesten Mnnern,
selbst wenn sie sich eingehend mit der Beurtheilung
resp. Verurtheilung der GOETHE'schen Farbenlehre be-
schftigten, ungelesen und ungewrdigt bleiben konnte.
	Dies hatte Herr FRAUENSTDT erwgen und bedenken sollen,
statt dem Verdacht Raum zu geben, die, SCHOPENHAUER ignorirenden
Naturforscher seien von persnlichen Motiven geleitet, welche
wissenschaftlichen Charakteren fern liegen mssten), als er et-
was ungestm fr seinen Meister in die Schranken trat, um auch auf
diesem Gebiete jene Anerkennung fr ihn zu erlangen, welche ihm
auf anderen Gebieten endlich - wenn auch zu spt, - geworden ist,
nndwelche erin der That auch hier, trotz alledem und alle-
dem wirklich verdient.
	Doch mchte ich, um Missverstndnissen vorzubeugen, sogleich
die Bemerkung hinzufgen, dass alle diese spte Anerkennung dessen,
was SCHOPENHAUER Grosses und Wahres speciell in Bezug auf die
sinnliche Erkenntniss-Theorie, sowie auf die physiologische Theorie
der Farbe producirte und in seinen Werken bereits vor mehr als einem
Menschenalter drucken liess, etwas Missliches hat.
	Man wnscht und erreicht zwar damit, der Persnlichkeit dieses
gewaltigsten Denkers seit KANT allseitig gerecht zu werden,
allein diese spte Gerechtigkeit gegen seine Person, wrde sofort
zur historischen Ungerechtigkeit gegen den wirklichen Entwicke-
lungsgang der empirischen Wissenschaft, wenn man die moderne Phy-
siologie der Sinne desshalb eines Plagiats an SCHOPENHAUER
verdchtigen und beschuldigen wollte, weil i h r e Theorie des
gegen-
stndlichen Sehens und der Farbe mit den Anschauungen jenes
iso-
lirten Weltweisen wunderbar bereinstimmt.
	Diese Uebereinstimmung kann hchstens fr die Wahrheit und
Richtigkeit der gewonnenen Anschauungen sprechen, insofern diese
eben auf zwei ganz verschiedenen und von einander unabhngigen,
ja entgegengesetzten Wegen gewonnen wurden. Denn, um es aus-
drcklich zu sagen, die mhsame empirische Forschung hat der phi-
losophischen Speculation nichts entlehnt, sie hat vielmehr selbst-
