808 	Ieber Schopenhauer's Theorie der Farbe.

Richtung und den Leitfaden zu dieser giebt - und dann fortfhrt:
NEWToN's Fundamentalversehen war eben, dass er, ohne die Wir-
kung irgend genau und ihren inneren Beziehungen nach kennen zu
lernen, voreilig zur Aufsuchung der Ursache schritt. Jedoch ist das-
selbe Versehen allen Farbentheorien, von den ltesten his auf die
letzte 1) von GOETHE, gemeinsam: sie alle reden blos davon, welche
Modification der Oberflche ein Krper, oder welche Modification das
Licht, sei es durch Zerlegung in seine Bestandtheile, sei es durch 
Tr-bung oder sonstige 
Verbindung mit dem Schatten, erleiden muss, nut
Farbe zu zeigen, d. Ii. nm jene specifische Empfindung im Auge zu
erregen, die sich nicht beschreiben, sondern nur sinnlich wahrnehmen
lsst.
	Unsere heutige YOUNG - HELMHOLTz'sche Farbentheorie ist die
thatschllche Widerlegung des ScH0PENHAUER'schen Glaubens an die
allein selig machende Richtung s eine s Weges; denn sie ist rein auf
der Bahn des NEWTON'sehen Weges entstanden. und hat nichtsdesto-
weniger zu jenem Resultat gefhrt, welches SCHOPENHAUER, allerdings
in ganz allgemein gehaltener Formulirung, so zu sagen, anticipirt
und schon I S16 ausgesprochen hat; aber die moderne Theorie bietet
freilich ein noch viel reicheres und tieferes Detail dar, von dem sieh
SCHOPENHAUER's Theorie nichts trumen lassen konnte, weil eben ihr
Autor in seinem Furor Antinewtonieus die ganze Physik des Lichtes,
d. li. Alles was die sorgfltigsten Messungen und die exactesten Ver-
suche ber Wellenlnge, Schwingungszahl, Verschiedenheit der Brech-
barkeit der Aetherwellen, Mischung und Trennung homogener Licht-
strahlen etc. etc. seit den Zeiten NEWTON'S ergeben haben, mit wahrer
Brutalitt, fr eitel Trug und Schwindel erklrte, und dafr die, phy-
sikalisch genommen, vlligsinnlose GOETHE'sche Lehre adoptirte.
	Es hat jedoch die GOETHE'sehe Lehre mit der SCHOPEN1IAUEII
eigenthmlichen und in den Hauptzgen richtigen physiologi-
schen Farbentheorie gar nichts zu thun, obschon SCHOPENHAUER selbst
dem grossen und fr das traurige Schicksal einer fortdauernden Igno-
rirung seiner Theorie, so folgenschweren Irrthum verfallen war, er sei,
von seiner Theorie ausgehend, in der Lage ber die Richtigkeit der
NEwtoN'schen und der GOETHE'schen Erklrung der physischen Far-
ben  apriori  urtheilen zu knnen, und sich fr die letztere ent-
scheiden zu mssen, whrend er es einen unglcklichen Gedanken
nennt (5. 69 wollte man eine Vereinigung derselben - (nmlich
seiner Theorie - mit der NEwtoN'schen bewerkstelligen!
1 1810; SCHOPENHAUERs Theorie erschien, wie gesagt, 1816.
