﻿LXIII.
Ueber Schopenhauer’s Theorie der Farbe.
(Ein Beitrag zur Geschichte der Farbenlehre.)
[Wiener akademische Sitzungsberichte LSII. Bd. 1H70.)
Herr Julius Frauexstädt. der Herausgeber der b. Auflage1, der ScHOPEXHAUEK'schen Schrift: »Ueber das Sehen und die Farben« beklagt sich in seiner Vorrede nicht mit Unrecht, dass Schopenhauers Farbentheorie. welche als eine »physiologische« »sowohl Goethe als Newton gegenüber« »eine selbstständige Stellung einnimmt« und in Wahrheit »in einer Beziehung ebenso gegen Goethe« . als in anderer gegen »Newton Front macht«, noch gar keine Berücksichtigung und Würdigung von fachmännischer Seite erfahren habe2 .
Indem ich die Originalität und wirklich überraschende und staunenswerte Uebereinstimmung der ScHOPENHAUER Schen mit unserer modernen Youxö-HELMHOLTz’schen Farbentheorie im Folgenden darzulegen beabsichtige. will ich zunächst zu zeigen versuchen, wie es kommen konnte. dass Schopenhauer's Theorie bisher so beharrlich ignorirt wurde.
Diese für Herrn Fkauex.städt so auffallende, sein Gerechtigkeitsgefühl so sehr empörende Thatsache erklärt sich nämlich. — wie mir scheint. einfach aus dem Umstande, dass Schopenhauer von der ihm eigentümlichen und wirklich bedeutenden physiologischen Theorie der Farbe ausgehend, doch schliesslich nicht nur die GoETHE’sche Erklärung der physischen Farben adoptirte. und — abgesehen von
1	Leipzig, F. A. Brockhaus, 1870; die erste Auflage der Schrift datirt von Isis l\: — die zweite, noch von Sch. seihst besorgte, aus dem Anfang der 50. Jahre.
2	Die einzige zwar treffende, aber zu kurze Notiz Uber Sch 's Farbentheorie, die ich kenne, findet sich in Prof. Pisko's populär-wissenschaftlicher Schrift : Licht und Farbe, 1809, S. 404.
51