814 	lIeber Schopenhauer's Theorie der Farbe.

	Die Thtigkeit der Retina, gleichviel ob auf ihrer ganzen Flche
oder einem Theile derselben, kann, indem sie, zur Hervorbringung der
Farbe, sich qualitativ theilt, noch einen ungetheilten Rest in-

Modus, aber anderer Qua litiit verknpft, als der Zustand der specifischen
Erregung, oder die Thtigkeit derselben.
	Die positive Empfindungsqualitt, welche bei Abwesenheit des specifischen
Erregungszustandes im Auge zum Bewnssfsein kommt, nennen wir Du nkel-
h cit oder S cli w a r z. Dunkelheit oder Schwarz ist wohl zu unterscheiden 
von
einfachem Mangel der Empfindungsfiihigkeit fr Licht und Farbe, was auch 
HELM-
HOLTZ zugiebt. )gl. Physiol. Optik, 5. 577.)
	Ich erinnere noch daran, dass man das sogenannte Lichtchaos oder Eigenlicht
der Retina, welches das Sehfeld in Folge innerer Reize selbst bei 
vollstndiger
Fiustcruiss erfllt, sehr deutlich vom Schwarz des Grundes unter-
scheidet, auf dent es erscheint.
	Bei keinem der anderen Sinne ist der sog. Ruhezustand der specifischen Ner-
vensubstanz verknpft mit irgend einer positiven Empfindung von gleieheiu
Modus, aber anderer Qualitt, wie der Erregungszustand derselben. Es
ist dies eine Eigenthiimlichkeit, welche dem hchsten unserer Sinne aus-
schliesslich zukommt.
	Selbst die Stille, die der Abwesenheit aller Erregung im akustischen Nerven-
system entspricht, macht sich niemals als eine positive, mit irgend einer 
Schall-
qualitt auch nur entfernt vergleichbare Empfindung geltend, sondern immer 
nur
als Negation aller Gehrsempfiudung; doch haben wir wenigstens noch ein Wort
fr dieselbe, wahrend fr den Ruhezustand der specifischeu Nervensysteme des
Geruchs - Gescluuacks - und Tastsinnes auch bezeichnende positive Worte
fehlen.
	Nach dieser Auseinandersetzung erscheint es mir einleuchtend, dass j e d e
Gesichts- E mu p find u n g, insofern sie nicht dent Maximum der Erregung der
gauze n und vollen Thtigkeit der Sehsinnsnhstanz 'jut ensivs tes, reinstes
Weiss entspricht, - einerlei ob der active Br u clmt heil der 'I'htigkeit , 
wie
sich SCHOPENHAUER ausdrcken wrde, ein qualitativer oder ein bbs quantita-
tiver ist - oder, wie wir sagen, durch eine theilweise, gleichmssig ode r 
un-
gleichmssig starke, gleichzeitige Erregung jeder einzelnen der drei 
Fasergat-
tungen hervorgerufen wird,- nothwendig auch einen gewissen Grad von 
Dunkelheit
haben muss, weil das Complement, welches den activeu Brnehtheil zur vollen 
und
ganzen Thtigkeit der Retina ergnzen wrde, u ncr regt geblieben ist und es
tliatschlich eine ausschliessliche Eigenthmulichkeit der Sehsiunsnbstanz 
ist, dass
auch ihr sog. Ruhestand als posit i v e Emupfindungsqualitt zum Bewusstsein
kommt. In dieser ganzen Auffassung liegt nicht etwa ein Zurckgehen auf die
Ar ist o tell s eh e Vorstellung, dass die Farbe durch eine Mischung von 
Schwarz
und Weiss entstehe, sondern es liegt in ihr nur eine einfache Erklrung,
warum berhaupt in jeder Gesichtsempfindung, welche nicht reinstes und
intensivstes Weiss ist, ein gewisser Grad von Dunkelheit wahrgenommen
wird; und warum namentlich in j cd e r Farbe, als solcher, ganz abgesehen von
ihrer znfiilligen quantitativen Abstufung, stets noch ein ganz bestimmtes 
Quantum
von wesentlicher Dunkelheit enthalten sein msse. - Vgl. die folgende An-
merknug.
