	Ueber Schopenhauer's Theorie der Farbe.	819
	Von jenem Moment an verliert SCHOPENHAUER selbstverstndlich
alle und j e d e Bedeutung auf dem Gebiete der Farbenlehre, - aber
so sehr man auch sein Rad otiren in physikalischer Richtung verurthei-
len muss, und so wenig man vergessen darf, dass unsere heutige Far-
bentheorie, der Zeit und der Sache nach, nicht auf SCHOPENHAUER
(1816';, sondern bis auf den erstaunlichen Thomas YOUNG lSO2)
und
schliesslich mittelbar bis auf NEWTON selbst zurckzufhren und zu-
rckzudatiren ist; so vermag diess Alles doch nicht SCHOPENHAUER's
wirkliches Verdienst zu schmlern, welches ich nachgewiesen zu
haben glaube, und welches ihm unzweifelhaft cinenbleibenden
Ehren-
platz in jeder vollstndigen Geschichte der Farbenlehre
sichert.


	Zwar hat SCHOPENHAUER nicht Unrecht, gegen die SCHEaFnR'sche Erkl-
rung hervorzuheben S. 50) dass das physiologische Farbenspectrum nicht 
allein
auf einem weissen Gruide gesehen wird, sondern auch vollkommen gut und deut-
lich auf einem vllig schwarzen Grunde, ja sogar mit geschlossenen und noch 
da-
zu mit der Hand bedeckten Augen: aber dies berechtigt ihn noch nicht die Er-
iudbarkeit der Retina durch und fr einzelne Farbenempfindungen zu lugneu.
Und wenn nun SCHOPENHAUER schliesslich erklrt )S, 51): Alles hier 
angefhrte
beweist unwiderleglich, dass das physiologische Spectrum aus der 
selbsteigenen
Kraft der Retina erzeugt wird, zur Action derselben gehrt, nicht aber ein 
durch
Ermdung derselben mangelhaft und verkmmert ausfallender Eindruck einer
weissen Flche ist. Ich musste aber diese SOHERFFER'Sphe Auslegung grndlich
widerlegen; weil sie, bei den New to u ian er n, noch in Geltung steht ... 
und
auf ihr die ganze Lehre von den compleinentreu Farben aller heutigen
Physiker und all ihr Gerede darber beruht. Als wahre Incurable verstehen 
sie
die Sache noch immer obj e ctiv, im NEwT0N'schen Sinne: demgemss bezieht
ihr hufig erwhntes C em p1cm en t sich immer nur auf, das NEwT0N'sche Spec-
trum von sieben Farben und bedeutet einen Theil dieser, getrennt von den 
brigen,
die dadurch ergnzt werden zum weissen Lichte als der Summe aller homogenen
Lichter;		Auffassung der Sache ist aber grundfalsch und absurd; und
dass sie 44 Jahre nach GOETHE'S Farbenlehre und 40 Jahre nach dieser meiner
Theorie noch in vollem Ansehen steht und der Jugend aufgebunden wird, ist un-
verzeihlich; - so ersieht man daraus nur, wie klglich es mit 
SCHoPENHAUER's
Wissen von den so beraus complicirten Erscheinungen der Nachbilder und von
den grndlichen Arbeiten eines FECHNER (1838), noch im Jahre 1854 )!) 
bestellt
war, und bis wohin er sich durch sein gnzliches Missverstehen der NEWTON'-
sehen Lehre )s. die oben citirte Definition aus NEWTON'S Optics) treiben 
liess!
52 *
