	lieber Schopenhauer's Theorie der Farbe.	507

stndig zur Entwickelung jener Gedanken gedrngt und gefhrt,
welche, ganz im Sinne KANT'S, von SCHOPENHAUER allerdings in prg-
nantester Weise und schon lngst ausgesprochen waren.
	Aber, wenn auch SCHOPENHAUER'S Schriften niemals publicirt
und bekannt geworden wren, die Physiologie der Sinne stnde heute
genau auf demselben Standpunkt, auf welchem sie wirklich steht!
Diesen verdankt sie weder SCHOPENHAUER, noch der Philosophie
berhaupt, sondern einzig und allein sich selbst, d. h. der exaeten
empirischen Erforschung der Natur.




	SCHOPENHAUER geht, im Gegensatze zu allen jemals entwickelten
Farben-Theorien, von dem Grundsatze aus: ))dass Helle, Finsterniss
und Farbe, im engsten Sinne genommen; Zustnde, Modificationen des
Auges sind, welche unmittelbar blos empfunden werden und fngt
damit an, die Farbe als physiologische Erscheinung zu unter-
suchen.
	Diesen Weg der Betrachtung, der vom beobachteten Gegenstand
auf den Beobachter selbst, vom Objectiven zum Subjectiven zurck-
geht, behufs der Erforschung des Wesens der Farbe zuerst und  mit
vollem Bewusstsein seiner Neuheit und Tragweite, er-
folgreich eingeschlagen zu haben, sichert dem Philosophen SCHO-
PENHAUER einen hervorragenden Ehrenplatz in der 
Geschichte der
Farbenlehre.
	Er selbst hebt es nut Recht hervor 5 4O, dass sich dieser Weg
der Betrachtung berhaupt durch ein Paar der glnzendsten Beispiele
in der Geschichte der Wissenschaften empfehlen und als der richtige
beurkunden  liesse denn
Non aliter, si parva licet componeremagnis
hat KOPERNICUS an die Stelle der Bewegung des ganzen Firmaments,
die der Erde, und der grosse KANT an die Stelle der objeetiv erkann-
ten und in der Ontologie aufgestellten, absoluten Beschaffenheiten
aller Dinge, die Erkenntnissformen des Subjects gesetzt. Fvth cutv
stand auf dein Tempel zu Delphi.
	Nur darin irrt SCHOPENHAUER gewaltig, wenn er glaubt, man
msse, solle und knne nur diesen Weg zuerst und ganz aus-
schliesslich einschlagen, indem er S. 21 sagt:
	Denn um regelrecht und berlegt zu Werke zu gehen muss man,
ehe man zu einer gegebenen Wirkung die Ursache zu entdecken un-
ternimmt, vorher diese Wirkung kennen lernen, weil man allein aus
ihr Data zur Auffindung der Ursache schpfen kann und nur sie die
