50 	Populäre physiologische Vorträge.

	Für die Schallwellen gibt es, wie ich hier beiläufig erwähnen muss,
noch einen zweiten kürzeren Weg zu dem Hörnerven mit seinen Endor-
ganen im Labyrinth - nämlich durch die Schädelknochen selbst.
	Diesen directeren Weg können die Schallwellen jedoch nur dann
in erheblicher Stärke betreten, wenn sie durch einen festen Körper
fortgeleitet werden, welcher mit den Schädelknochen selbst oder mit
den Zähnen in unmittelbarer Berührung steht.
	Wenn man sich beide Ohren zustopft und dann einen Bindfaden
zwischen die Zähne klemmt, an dessen Ende ein grosser silberner
Löffel oder noch besser ein eisernes Lineal herabhängt - so hört
man, sowie der Löffel oder das Lineal - gegen eine Tischkante
hingeschwungen - an schlägt - trotz der verstopften Ohren einen
so mächtigen Schall, dass man glauben kann neben der grossen Glocke
des Kremels von Moskau zu stehen. - Ich empfehle Ihnen diesen ein-
fachen und höchst überraschenden Versuch - nicht etwa b 10 s für die
Kinderstube.
	Viele Schwerhörige, ja sogar manche scheinbar ganz Taube
hören das auf einem Klavier gespielte Musikstück vollkommen gut,
wenn sie einen zwischen den Zähnen gehaltenen Holzstab auf den
Resonanzboden des Instruments aufstemmen.
	Diesen Kunstgriff hat, wie mir nuitgethcilt wurde, unser verstor-
bener College ScHEIDLEn in früheren Jahren benutzt, wenn er trotz
seiner Taubheit nmusiciren wollte.
	Dieser Kunstgriff gelingt indess nur solch en Gehörkranken, bei
denen das Labyrinth und der Hörnerv mit seinen Endorganen noch
gesund sind, während die Theile des Leitungsweges für die Schall-
wellen der Luft - also Trommelfell und Gehörknöchelchen irgendwie
gelitten haben und functionsunfähig geworden sind. -
	Die Beantwortung unserer dritten und letzten Frage: w cl cli e
Verschiedenheiten der Schall darbietet? - an die wir nun
herantreten können, muss darin bestehen, dass ich Ihnen zeige
	wie vielerlei Unterschiede die Schallempfindungen - deren
unser Ohr fähig ist, - erkennen lassen, und welche Verschie-
denheiten der äusseren Erregungsmittel - nämlich der Schallwellen -
durch ihre Einwirkung auf den Mechanismus des Ohres - diesen
Unterschieden der Empfindung entsprechen.
	Der Unterschied, welchen ich zuerst besprechen will, weil er
all en Arten der Schallempfindung zukommt, ist der hinsichtlich ihrer
Stärke oder Intensität.
	Jede, wie immer geartete Schallempfindung kann nämlich einen
stärkeren oder schwächeren Eindruck machen.
