58 	Populäre physiologische Vortrage.

wie ein Echo, d. h. Sie haben nicht die bekannten Töne des Klaviers,
sondern die Vocal e meiner Stimme in ihrer specifischen Klangfarbe
ans dem Klavier hervorklingen hören. Die Besaitung desselben hat
nämlich auf rein mechanischem Wege die zusammengesetzten Klang-
wellen der Vocale in ihre Bestandthcile zerlegt, - indem alle die
Saiten und n n r die Saiten in Mitschwingungen geriethen, welche den
Schwingungszahlen der im flange des Vocals enthaltenen einzelnen
Töne entsprachen. Es musste daher dieselbe Tonmischung nachhallen,
welche der Klangfarbe des betreffenden Vocals entspricht, und Ihr
Ohr hat diese Mischung sogleich als den bekannten Vocalklang er-
kannt und aufgefasst. Wie? - das sollen Sie gleich einsehen! Könn-
ten wir jede Saite des Klaviers mit einem akustischen Nerven so ver-
binden, dass derselbe erregt wurde und den entsprechenden einfachen
Ton empfände, sobald die Saite in Schwingungen gericthe, so hätten
wir begreiflicherweise ein Organ geschaffen, das zur Wahrnehmung
der Tonhohen und Klangfarben geeignet wäre.
	Ein solches Miniaturklavier mit Nerven ist aber in der That die
Schnecke, die wir im Ohre haben.
	Die 3000 auf verschiedene Töne abgestimmten Cown'scheu Stäb-
ehen entsprechen nämlich den Klaviersaiten, und es ist jedes solche
Stäbchen, wie wir sahen, mit akustischen Nerven verknüpft, welche
jedesmal mechanisch erregt werden und einen bestimmten einfachen
Ton empfinden, sobald das betreffende Stäbcheu in IMitschwingungcn
versetzt wird.
	So wie aber die Klaviersaiten nur dann in Mitschwingungen
geratheu, wenn die ihnen entsprechenden Töne auf sie ein-
wirken, ebenso schwingen auch die Con'ri'schcu Stäbcheu nur dann
mit, wenn Schallwellen durch das Labyrinthwasscr zu ihnen gelangen,
deren Schwingungszahlen j en e m Tone angehören, auf welchen das
einzelne Stäbchen genau abgestimmt ist. -
	Die Empfindung verschiedener Ton h ö h en ist also eine Empfin-
dung in den einzelnen Schneckennervenfasern, deren jede eine andere
Tonhöhe empfindet.
	Die Empfindung der Klangfarbe beruht aber darauf, dass ein
Klang, wie beim Versuch mit dem Klavier, mechanisch zerlegt wird,
d. h. ausser dem seinem Grundton entsprechenden Con'n'schen Stäb-
ehen, noch eine Anzahl ander er - die den Obertönen entsprechen
- in Mitschwinguugcn versetzt und somit in m ehre r en verschiedenen
G r up p en von Fasern des Schneckennerven einfache Tonempfindun-
gen erregt, die zu einer einheitlichen Empfindung - eben der des
besonderen Klanges - verschmelzen.
