	II. Das Ohr und das Hören.	59

	Hiermit durfte Ihnen der Mechanismus und die Function der
Schnecke im allgemeinen deutlich und begreiflich geworden sein.
Ich bin zu Ende!
	Gestatten Sie mir nur noch einen kurzen zusammenfassenden
Rückblick! - Nachdem wir den Schall als einen grob-materiellen Be-
wegungsvorgang erkannt hatten, verfolgten wir denselben durch das
äussere, mittlere und innere Ohr bis in die akustische Gehirnmasse
hinein, wo er sich in den psychischen Zustand der Schall cm p fin -
dung sozusagen transsubstantiirt!
	Wir sahen, wie die Schallwellen das Trommelfell und die Gehör-
knöchelchen in entsprechende Schwingungen versetzen; wie die Fuss-
platte des Steigbügels dem Labyrinthwasscr Stösse mitthcilt und in
demselben Strömungen bewirkt; - und wie diese Stösse und Strö-
mungen die verschiedenen akustischen Endorgane des Hörnerven, nach
bestimmten mechanischen Gesetzen zu Mitschwingungcn zwingen,
welche endlich die Hörncrvenendcn erregen.
Wir haben dann die Stärke aller Schallempfindungen aus der
Schwingungsgrösse; - die Empfindung der Geräusche aus un-
regelmässigen nicht periodischen, die der Klänge aus regelmassigen
periodischen Schwingungen erklärt - und zugleich erkannt, dass in-
folge der Verschiedenheit der akustischen Endorgane erstere wahr-
scheinlich durch die Vorhofsncrvcn, letztere durch die Schnecken-
nerven empfunden werden.
	Die Empfindung verschiedener Ton h ö h c erwies sich abhängig
von der Schwingungs z ah 1 und geknüpft an die Mitschwingungcn der
einzelnen Cowrf scheu Stäbchcn und an die Erregung der einzelnen
Fasern des Schneckennerven - deren jede die Empfindung einer an-
deren Tonhöhe gibt; - während endlich die Klangfarbe, - ab-
hängig von der Schwingungsform oder der Zusammensetzung
der Schwingungen, und in ihre einfachen Tonelemente, durch die ab-
gestimmte Klaviatur oder Besaitung der ConTI'schcn Stäbchcn zerlegt
in mehreren gleichzeitig erregten Gruppen von Fasern des
Schneckennerven als einheitlicher Eindruck empfunden wird. -
	Damit aber habe ich Ihnen - vcrsprochcncrmaasscn - die ganze
Welt des Schalles, wie sic uns das Ohr erschliesst, mechanisch ver-
s t ä n dli eh gemacht! - denn Sic haben nun eine beiläufige Vorstel-
lung davon, worin eigentlich die materiellen Vorgänge bestehen,
welche dieser wunderbar mannigfaltigen Erscheinungswelt zu Grunde
liegen, und welch es der Mechanismus jenes Organs ist, dessen wir
uns zur Wahrnehmung derselben bedienen!
