	II. Das Ohr und das Hören.	35

	Damit hätten wir also die Vorstellung von Schallwellen, die sich
in gerader Linie nach einer Richtung hin fortpflanzen. Aber die
Ausbreitung des Schalles geschieht gleichzeitig nach allen Richtungen
des Raumes, und so müssen Sie sich die Schallwellen in Wirklichkeit
nothwendig in Gestalt von Kugelschalen denken, deren Durch-
messer immer mehr und mehr wachsen, je weiter sic sich von ihrem
gemeinschaftlichen Ausgangs- und Mittelpunkt - dem schallerzeugen-
den Körper - entfernen, etwa so wie die Wellenkreise immer
grösser und grösser werden, welche wir durch einen Steinwurf auf der
glatten Fläche eines Wasserspiegels erzeugen!
	Die Geschwindigkeit, mit welcher die Schallwellen den
Luftraum durcheilen, hat man gemessen und bei ruhiger Luft auf
340 Meter in der Sccnnde bestimmt. d. h. der Schall braucht eine
ganze Secunde Zeit, nm eine Strecke von 340 Meter, etwas über
1000Fuss, zu durchlaufen, während das Licht in derselben Zeit viele
1000 Meilen macht; - deshalb hören wir aber auch den Knall einer
in grosser Entfernung abgeschossenen Kanone viel später, als wir das
Aufblitzen derselben sehen! - Je weiter die Entfernung ist, desto
später hören wir die Detonation des Geschützes, und bei der bekannten
Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Schalles können wir die Grösse
dieser Entfernung schätzen, wenn wir die Zeit messen, welche vom
Momente des Aufblitzens bis zur Wahrnehmung des Knalles vergeht.
Jeder Secnnde Verspätung entspricht eine Vergrösserung der Entfer-
nung um 340 Meter, jeder halben Secunde um 170 Meter.
	Ebenso wie in der Luft und in Gasen entsteht der Schall und
pflanzt sich fort in jedem anderen elastischen Medium, z. B. im Wasser
und in festen Körpern - nur mit verschiedener und zwar grösserer
Geschwindigkeit.
	Hiermit, meine verehrten Anwesenden, haben Sie die physi-
kalische Antwort auf unsere erste Frage: Was ist Schall über-
haupt?
	Der Schall ist, wie Sie gesehen haben, nichts weiter, als eine
eigenthümliche Bewegung der Materie!
Mit dem Worte »Schall« bezeichnet der Sprachgebrauch jedoch
nicht nur den eben erörterten grobmechanischen Bewegungs-
vorgang, sondern zugleich auch die besondere Empfindung,
welche derselbe veranlasst, wenn er unsere Hörnerven afficirt.
	Dies führt uns zu unserer zweiten Frage: Wie der Schall von uns
wahrgenommen wird?
	Mit der allgemeinen Antwort: »durch das Gehör«, wollen
wir uns jedoch hier nicht begnügen, sondern genauer zusehen, was
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