56 	Populäre physiologische Vorträge.

	Ich muss Ihnen hier, um kurz zu sein, die überraschende
Mittheilung machen, dass es nur durch besondere physikalische Vor-
richtungen gelingt, eineu wirklich ganz einfachen Ton zu er-
zeugen - und dass ein j e der K 1aug - wie ihn unsere verschiedenen
musikalischen Instrumente durch ihre complicirteu Schwingungen her-
vorbringen - niemals wirklich ein einziger, einfacher Ton
ist, sondern stets zusammengesetzt aus mehrerenTönen you
verschiedener S t ä rk e und H öh e, die gleichzeitig und in demselben
Momente miteinander erklingen - sobald irgend eine Note eben durch
eines unserer bekannten Musikinstrumente angegeben wird!
	Von diesen einfachen Tönen, die, wie gesagt, einen jeden solchen
scheinbar einfachen Klang zusammensetzen, wird derjenige,
welcher der tiefste und stärkste ist, und deshalb auch durch seine
Schwingungszahl die musikalische Höhe des ganzen Klanges be-
stimmt, der G run dt on genannt, während die übrigen höheren Töne.
welche gleichzeitig aber in verschiedener Stärke noch mitklingen, die
Obertöne heissen.
Der Grundton und seine Obertöne verschmelzen fur das Gehör so
sehr zu einer einheitlichen Empfindung - der des specifischen
Klanges - dass sie nur durch besonders geübte und aufmerksame
Ohren, oder durch besondere künstliche Veranstaltungen - ein z cl u
aus dem Klange herausgehört werden können.
	Sie sehen, verehrte Anwesende! dass somit von der F o r in oder
Zusammensetzung der periodischen Schwingungen- d. h. von
der verschiedenen Anzahl und Stärke der Obertöne, die ne b s t dem
Grundton im Klang enthalten sind, die Verschiedenheit der Klangfarbe
oder des Timbres abhängt.
	Wenn, um nur ein Beispiel anzuführen, die Violine und die
menschliche Stimme das eingestrichene a nach einander angeben, -
so stimmen diese, durch ihren Timbre leicht ans einander zu ken-
nenden Klänge darin überein, dass sie beide dasselbe a mit seinen
440 Schwingungen in einer Secunde) zum Grundton haben; - sie
unterscheiden sieh aber dadurch von einander, dass beim a der
Violine die Obertöne in an derer Anzahl und Stärke mitklingen als
beim a der menschlichen Stimme - und dies gilt für alle übrigen
Musikinstrumente. Ich verzichte darauf, Ihnen noch mehr über die
Obertöne und ihr Intervallverhältniss zum Grundton und zu einander
zu sagen, sowie darauf, Ihnen zu zeigen, wie die Luftbewegung be-
schaffen ist, welche gleichzeitig erklingenden und neben einander
bestehenden Tönen entspricht, die einen Klang zusammensetzen,
denn einerseits müsste ich zu weitläufig werden, um leicht verständ-
