	III. Stimme und Sprache.	61

jedoch das ganz besondere Interesse jedes Gebildeten in Anspruch zu
nehmen geeignet ist, indem diese Gruppe jene Geräusche und Klänge
umfasst, welche den Gesang und die Sprache des Menschen - trotz
aller ideellen Bedeutung dieser beiden Leistungen, zuletzt doch ganz
allein ausmachen!
Ich werde mich nämlich bemühen, Ihnen heute den Ban und die
physiologische Thätigkeit der Stimm- und Sprachwerkzeuge zu er-
klaren, um Ihnen in einem zweiten Vortrage eine befriedigende Ein-
sicht in das Wesen der einzelnen Stimm- und Sprachlaute, sowie in
den geheimnissvolleu Mechanismus zu eröffnen, vermittelst welches
wir diese ebenso merkwürdigen als bedeutungsvollen akustischen
Erscheinungen thatsächlich hervorbringen.
Unser Stimm- und Sprachorgan ist physikalisch betrachtet - ein
Blasinstrument und lässt sich am besten mit einer Orgel ver-
gleichen; nur dass unser Organ, statt der vielen Pfeifen, deren jedes
Orgelwerk zur Erzeugung verschiedener Tonhöhen und Klangfarben
bedarf, nur eine einzige Pfeife besitzt, welche jedoch vermöge ihrer
höchst ingeniösen und doch eigentlich wunderbar einfachen Einrich-
tung nicht nur Klänge von verschiedener Höhe und Farbe, sondern
auch noch eine Fülle von eigenthümlichcn Geräuschen erzeugen kann
- und daher weit Manuicbfaltigeres leistet, als das ganze Heer jener
vielen Pfeifen zusammengenommen!
	Die Lungen, welche in dem beweglichen Brustkasten ein-
geschlossen sind, entsprechen dem Blasebalge der Orgel.
	Die Luftröhre oder Trachea stellt die sogenannte Windlade
der Orgel dar, welche den ganzen Registern und ihren einzelnen Pfeifen
den Luftstrom zuführt, der sie zum Tönen bringt.
	Der Kehlkopf oder Larynx selbst ist statt der vielen, die ein-
zige Pfeife und der Schlund, die Mund- und Nasenhöhle
bilden das bewegliche Ansatzrohr dieser einzigen Pfeife, welches aller-
dings in seiner Eigenthümlichkeit und in seinen verschiedenartigen
Wirkungen auf die Mannichfaltigkeit der erzeugbareu Seballphänomeue
kein ebenbürtiges Analogon unter den Ansatzstücken hat, weder der
Orgelpfeifen noch der Blasinstrumente überhaupt.
	Um unseren Vergleich vollends zu Ende zu führen, brauche ich
Sie nur daran zu erinnern, dass Orgel gespielt wird, indem man den
Blasebalg tritt, ein oder das andere Register aufzieht, und irgend eine
Taste niederdrückt.
	Der Blasebalg treibt einen Luftstrom in einen hermetisch geschlos-
senen Raum - die sogenannte Windlade - von wo aus derselbe nach
Maassgabe der Klappen, welche durch das Aufziehen der Register und
