70 	Populre physiologische Vortrge.

masse ohne erhebliche Friction oder Reibung durch dieselbe hindurch-
fliessen kann, bleibt auch in der That Alles still. So wie aber die
Stimmritze in irgend einer Form so weit verengt wird, dass die durch
dieselbe hindurchgetriebenen Luftmassen sich drngen und reiben
mssen, um durchzukommen, so gerathen dieselben in wirbelnde Be-
wegungen oder unrcgelmssige Schwingungen - und es macht
sich sofort ein leiseres oder lauteres blasendes Gerusch wahr-
nehmbar.
	Sind endlich die Stimmbnder gengend gespannt, ihre freien
Rnder einander zugleich hinreichend oder bis zur gegenseitigen Be-
rhrung genhert, so drngt sic der aus der Windlade oder Trachea
mchtig herandringendc Luftstrom empor - und zugleich aus einan-
der, die Stimmritze wird geffnet, wenn sic geschlossen, weiter,
wenn sic ursprnglich offen war; Luft entweicht also pltzlich in grs-
serer Menge; damit nimmt aber auch die Spannung der Luft in der
Trachea pltzlich ab, und die Stimmbnder schnellen elastisch in ihre
frhere Stellung zurck; in Folge dessen muss die Luftspannung in der
Trachea sofort wieder steigen, und der beschriebene Bewegungsvorgang
beginnt immer wieder von neuem - und so gcrathcn die Stimmbnder
unter diesen Umstnden in anhaltende periodische Schwin-
gungen, durch welche die Luftsule in regelmssige verdichtete und
verdnnte Abschnitte zerschnitten, oder mit anderen Worten in
Schallwellen versetzt wird, welche sich, wie ich im vorigen Jahre
auseinandersetzte, durch den Luftraum fortpflanzen und in Folge ihrer
Regelmssigkeit die Empfindung eines Klang e s im Ohr hervorrufen.
So also entsteht die lauttnende Stimme im Kehlkopf.
	Eine akustische Vorrichtung, in welcher ein Klang auf die be-
schriebene Art hervorgebracht wird - gleichgltig ob die durch den
Luftstrom in Schwingungen versetzten Platten aus dnnem Metall oder,
wie hier, aus elastischen Hautehen oder Bndern bestehen - nennt
man in der Physik eine Zungenpfeife.
	Unser Kehlkopf ist somit, physikalisch definirt, eine Z n n gen -
pfeife mit zwei membransen oder hntigen Zungen.
	Ich zeige Ihnen hier zur Erluterung einen knstlich nachgebil-
deten Kehlkopf (Fig. 27).
	Das Knorpelgerst ist durch beweglich verbundene Messingstck-
chen nachgeahmt - die Schleimhaut aber durch eine rhrenfrmige
Kantschukmembran, die vorn und hinten zwischen den Messingstcken
eingeklemmt ist, so dass sie zwei Falten oder Rnder bildet, welche
wie die Stimmbnder eine Lngsspalte begrenzen. Das Ganze sitzt
auf einer Trachea von Holz.
