	76	Populäre physiologische Vorträge.







Wesen und Bildung der Stimm- und Sprachlaute.


Zweiter Vortrag,


gehalten den 3. März 1869.


(Mit 7 Holzschnitten.




Hochgeehrte Anwesende
	Zunächst wollen Sie gestatten, dass ich den Inhalt meines vor
acht Tagen abgehaltenen Vortrags ill aller Kurze recapitulire.
	Ich eröffnete meine Auseinandersetzung damit, dass ich das ganze
Stimm- und Sprachorgan eingehend mit einer Orgel verglich, urn
durch diesen schlagenden und bis ins Detail ungezwungen durchführ-
baren Vergleich, den Mechanismus und die Spielart des Instruments,
vermittelst welches wir singen und sprechen, im Allg em einen ver-
ständlich zu machen.
	Sodann demonstrirte ich an kolossalen bildlichen Darstellungen,
welche Sie zum Theil auch heute wieder vor sich sehen, und plasti-
schen Nachbildungen den Zusammenhang, den genaueren ana-
tomischen Bau, sowie die physiologische Beweglichkeit
und die akustische Bedeutung der einzelnen Bestandtheile. Ich
habe den beweglichen Brustkasten mit den Lungen - als den Blas -
balg der Stimm- und Sprachorgel dargestellt; die Luftröhre mit ihren
beiden Lungenästen und Bronchialverzweigungen aber als die soge-
nannte Windlade, oder den stets offend Leitungsweg für den In-
und Exspirationsluftstrom. Das bewegliche Knorpeiskelet des Kehl-
kopfes mit den elastischen Stimmbändern habe ich vor Ihren Augen
aufgebaut, und den Kehlkopf selbst als die einzige an unserer Stimni-
und Sprachorgel vorhandene Zungenpfeife mit zwei mernhranösen
Zungen physikalisch definirt.
	Den Vorgang der Stimmbildung erklärte und zeigte ich durch
Experimente am künstlichen und todten Kehlkopf, wobei die Stimme
eines Verstorbenen in diesem Saale wiedererweckt wurde, und endlich
schloss ich mit der Darstellung der zweifachen akustischen Bedeutung
und Leistungsfähigkeit des beweglichen Ansatzrohrs der Kehl-
kopfspfeife - nämlich des in Mund- und Nasenhohle ausgehenden
