﻿Die Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.
107
der Kraft, »der höchsten und fruchtbringendsten Generalisation der gesammten Naturwissenschaft1« — auf die Welt der Lehenserscheinungen , angenommen hat, eine Wissenschaft sei, welche es verdient ein Gegenstand höchsten Interesses und ernstlichster Kenntnissnalime für jeden denkenden, auf wahre allgemeine Bildung Anspruch machenden Menschen zu sein.
Einer weitläufigen Begründung dieser Ueherzeugung, welche ich zum Ausgangspunkte meiner Ueberlegung machte, bedarf es nicht, da es wohl genügt einfach an die Aufgaben, Ziele und Methoden der modernen physiologischen Forschung zu erinnern, um die unendlich mannigfaltigen und innigen Beziehungen der Physiologie, zu allen irgend denkbaren Interessen, Leistungen und Problemen der Menschheit ersichtlich zu machen, und damit den Werth und die Bedeutung der Physiologie als eines allgemeinen Bildung»- und Culture 1 e m e n t e s ins rechte Licht zu stellen.
Die Physiologie ist bekanntlich die Wissenschaft von den eigen-thümlichen Vorgängen und Thätigkeiten, deren Gesammtheit das Leben der Organismen ausmacht.
Sie sucht nicht nur alle die einzelnen Lebensäusserungen genau kennen zu lernen und nach ihrer specifischen Erscheinung, ihrem zeitlichen Werth, ihrer räumlichen Ausdehnung n. s. w. festzustellen, sondern sie sucht dieselben überdies als das unabänderliche, gesetz-mässige Resultat der mannigfaltigen und complieirten Anordnungen und Bewegungsformen der elementaren Massentlieilchen, aus welchen die betheiligten Organe und Gewebe zusammengesetzt sind, in ihrer Nothwendigkeit und Bedingtheit zu verstehen und zu begreifen.
Ihre höchste Aufgabe, ihr letztes Ziel ist: Das gesummte Leben mit allen übrigen Naturerscheinungen aus einem und demselben Reiche allgemeiner Gesetze des Wirkens folgerichtig und erfahrungsgemäss herzuleiten d. h. zu erklären.
Nicht immer hatte die physiologische Forschung diese Richtung.
Früher betrachtete man vielmehr die verschiedenartigsten Leistungen und Thätigkeiten der Organismen als den Ausfluss einer ganz besonderen, nur den belebten Körpern eigenen Naturkraft, welche nach Zwecken und Absichten in den trägen Stoff bewegend und ordnend eingreifen sollte, und nannte dieses mysteriöse, proteusartig-vielgestaltige Agens die »Lebenskraft«.
1 A. Fick: Die Naturkräfte in ihrer Wechselbeziehung. Würzburg, S. 4.