114 	Die Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.

unwiderstehlich zu einer solchen Weltauffassung fhrt, die wahrhaft
frei und vorurtheilslos macht, und duldsam gegen alles menschliche
Irren, gegen alle menschliche Schwche und Beschrnktheit!
	Allerdings muss ohne Widerrede zugegeben werden, dass die
Physiologie noch weit davon entfernt ist, ihre Aufgabe im Sinne der
modernen Naturbetrachtung auch nur in einem einzigen Hauptpunkte
vollstndig gelst zu haben; dagegen ist es ebensowenig zu ver-
kennen, dass die bereits erreichte Einsicht in den die einzelnen Lebens-
usserungen bedingenden Mechanismus der organischen Gebilde tief
genug, die experimentelle Methode der Forschung exact genug ist, um
der modernen Physiologie die von mir wiederholt hervorgehobene
Bedeutung vindiciren zu knnen.
	Ich erlaube mir daher jetzt ohne Weiteres zur Entwickelung jener
Gedanken zu schreiten, welche sich mir mit Bezug auf meinen neuen
akademischen Wirkungskreis an diese Thesis knpften.
	Mein nchster Gedanke war, dass die Physiologie gegenwrtig
an allen Hochschulen nur einen Lehrgegenstand des medicinischen
Fachstudiums bildet, und daher allen Jenen vllig unzugnglich bleibt,
welche ihr Beruf einer der anderen Faenltten zugefhrt hat.
	In Erwgung dieses misslichen Umstandes, durch welchen der
grssere Theil der Universittshrer von der genaueren Bekanntschaft
mit den Resultaten und Methoden der physiologischen Forschung aus-
geschlossen wird, musste sich mir weiter die Ueberzeugung aufdrngen,
dass neben den streng fachmssigen, in den Lehrplan des medieini-
sehen Studiums eingefgten Vorlesungen ber Physiologie berall auch
noch s 01 C h e gehalten werden sollten, welche diese Wissenschaft -
nicht minder grndlich zwar - aber in allgemeinverstndlieher Form,
d. h. ohne Voraussetzung irgend welcher Fachkenntnisse, darustellen
htten.
	Ich muss es hier mit aller Entschiedenheit aussprechen, dass mir
kein Gegenstand der Physiologie, wie der Naturwissenschaften ber-
haupt, bekannt ist, der bei geschickter Anwendung ausreichender
Hilfsmittel der Demonstration und des Experiments der normalen
Fassungskraft und dem Verstndniss Gebildeter, deren Aufmerksam-
keit nur einigermassen angespannt wird, nicht sollte vollkommen
zugnglich gemacht werden knnen.
	Indem ich nun einerseits die Mglichkeit einer grndlichen und
erfolgreichen allgemein fasslichen Darstellung - ich vermeide ab-
sichtlich den nicht ohne Grund etwas in Misseredit gekommenen Aus-
druck Popularisirnng - der Physiologie hiermit ausdrcklich aner-
kenne, und andererseits die Bedeutung physiologischen Wissens zur
