	Die Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.	111

	Oder ist etwa die Befriedigung materieller, leiblicher Gensse
und ehrgeiziger, staatlicher Machtforderungen grsserer, ja auch nur
gleicher Opfer werth, als die Befriedigung eines der hchsten und
edelsten Bedrfnisse des menschlichen Geistes - des wissenschaft-lichen 
Forschungstriebs?
	Der brutalen Thierqulerei wird kein Vernnftiger das Wort reden,
und die Thicrschutzvereine, welchen der Gedanke allerdings allzufern
zu liegen scheint, dass es immer noch erspriesslicher und wnsehens-
werther sein drfte, zunchst der so vielgestaltigen Menschen-
qulerei zu steuern, mgen ihre gutgemeinten Bestrebungen am
rechten Orte immerhin zur Geltung zu bringen suchen. Das physio-
logische Laboratorium ist jedoch kein Terrain fr ihre Mission. Der
wissenschaftlichen Erforschung des Lebens drfen sie keine Hinder-
nisse in den Weg legen wollen.
	Das physiologische Experiment ist eben keine Thierqulerei, denn
es ist nicht sein Ziel und sein Zweck den Thieren Qualen zu be-
reiten, obschon sie ihnen freilich nicht immer durch Anaesthetica
ganz erspart werden knnen, namentlich wo es sich um die Erforschung
der Empfindungserscheinungen und des Schmerzes selbst handelt.
	Und wenn wir auch weit entfernt sind das jesuitische: der Zweck
heiligt die Mittel auf unsere Fahne schreiben zu wollen, so knnen
wir doch behaupten und uns dabei vllig beruhigen, dass der Zweck
allerdings immer und berall, und so auch hier die Verantwortung fur
die Mittel mit tragen msse.
	Doch genug dieser fr Manche vielleicht anstssigen, darum aber
nicht weniger begrndeten Oratio pro domo I Ich kehre zu den Andeu-
tungen ber die Methode der physiologischen Forschung zurck.
	Schon bei der einfachen Beobachtung der Lebenserscheinungen
kann es dem Forscher nicht entgehen, dass das Zustandekommen der
letzteren stets an die Integritt gewisser Theile des Organismus ge-
bunden ist.
	Die nchste Aufgabe des physiologischen Experiments ist es nun
die einzelnen Organe und Gewebe des Krpers mit Exactheit zu er-
mitteln, deren specielle Function oder Thtigkeitsusserung diese und
jene Lebenserseheinung ist, und welche somit alle die materiellen
Bedingungen enthalten mssen, die zur Erzielung der Erscheinung zu-
sammengreifen.
	So erweist sich z. B. ein bestimmter Nerv als ausschliesslicher
Leitungsweg fr den durch den Willensimpuls ausgelsten Erregungs-
vorgang, wenn ihn der Experimentator durch die Vivisection blosslegt,
dann elektrisch oder mechanisch reizt, dann durchschneidet und hier-
