112 	Die Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.

auf keine andere Vernderung beobachtet als, im ersten Fall eine
Zusammenziehung, im zweiten aber eine Lhmung eines einzelnen
Muskels oder einer Muskelgruppe.
	So eonstatirt, um noch ein anderes Beispiel anzufahren, das Ex-
periment der Hemmung und Freigebung (oder der knstlichen Inj eetion)
des Blutstroms in den zufhrenden Gefssen der Organe, dass nur
hoehrothes, arterielles Blut die Elemente enthlt, welche die Bedin-
gungen der Leistungsfhigkeit der Organe im normalen Bestande
erhalten.
	Indem sich dann die experimentelle Forschung der Zergliederung
dieser Bedingungen in den als Trger der einzelnen Fnnctioncn er-
mittelten Organen und Geweben zuwendet, findet sie stets bestimmte
Anordnungen von festen, flssigen und gasfrmigen Masscnthcilchcn,
welche sich in den verschiedensten Richtungen und Formen bewegen
- mit anderen Worten, sie findet stets bestimmte physikalische und
chemische Elemente und Processe, deren weitere Zergliederung
nach den Grundstzen des physikalischen und chemischen Versuchs
unternommen werden muss.
	Das physiologische Experiment luft also schliesslich immer
in das physikalische und chemische ans.
	So lehrt z. B. die Zergliederung der im reizbaren, functionsfhigcn
Nerven- und Muskelgewebe vorhandenen Bedingungen, dass die Mas-
sentheilchcn, welche sie aufbauen, in einer gesetzmassigen elektrischen
Bewegung begriffen sind, und nach aussen bertragbare elektromoto-rische 
Krfte entwickeln, welche beim Wechsel von Ruhe und Thtig-
keit entsprechende Vernderungen erleiden, so dass sie als ein Ausdruck
der innersten Molccnlarzustnde und Vorgnge der physik a 1 is eh c u
Erklrung der Nerven- und Muskelphysiologie die wichtigsten An-
haltspunkte geben. So wird in einem anderen Falle - nachdem z. B.
das physiologische Experiment ermittelt hat, dass sich Eiweisskrper
im Magen auflsen und dass es der saure Magensaft ist, welcher diese
Erscheinung bewirkt - die ehe mi s ehe Untersuchung das Ferment
desselben zu finden und den eigentlichen Vorgang aufzuklren haben.
	Als letztes Ziel und zugleich - im Falle des Gelingens - als
hchster Triumph der experimentellen Forschung auf allen Stufen
ihres Eindringens in das unendlich verwickelte Zusammengreifen der
die Erscheinungen urschlich vermittelnden Umstnde und Veranstal-
tungen, ist aber endlich die Aufgabe zu betrachten auch ausserhalb
des Organismus die gleichen Umstnde und Bedingungen willkrlich
herzustellen, um aus ihnen die gleichen Erscheinungen zu erz engen.
Die knstliche Nachbildung der physiologischen Lei-
