110 	Die Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.

geschieht, indem die sämmtlichen Bedingungen, von welchen eine
Erscheinung hervorgebracht sein kann, der Reihe nach absichtlich
verändert, und gleichzeitig die Erfolge dieser Veränderung auf die
Erscheinung genau beobachtet werden.
	Als eine wirkliche Ursache der Erscheinung muss dann jene Be-
dingung gelten, deren isolirte Variation oder Eliminirung die Erschei-
nung selbst entsprechend verändert oder aufgehoben hat. Erst wenn
roan das Experiment zum me ss enden Versuch steigert und schärft,
bei welchem die quantitativ bestimmte Variation der verursachenden
Bedingung mit dem Grade der verursachten Veränderung der Erschei-
nung verglichen wird, offenbart sieh das Gesetz der Wirkung.
	Die durch den Gang der experimentellen Untersuchungsmethode
geforderte Sonderung, Veränderung, Störung, Steigerung oder Auf-
hebung der sämmtlicheu Bedingungen einer Lebenserscheinung ist nur
durch die Anstellung von V iv i s e e t ion en zu erzielen, unter welchen
man im weitesten Sinne des Wortes j eden wie immer gearteten Ein-
griff in den lebenden Körper versteht.
	Fast alle Viviseetionen sind, beiläufig bemerkt, nicht ohne einen
gewissen Grad von Grausamkeit ins Werk zu setzen. Und diese macht
man den Physiologen - freilich gedankenlos genug - von vielen
Seiten so sehr zum Vorwurf.
	Ich sage gedankenlos, weil man - wie ich bereits an einem
anderen Orte ausgesprochen habe - im blinden Eifer der thierfreund-
liehen Entrüstung eben nicht daran denkt, einerseits dass der Fort-
schritt der Wissenschaft und Kenutniss vom Leben ohne Eingriffe in
den lebenden Organismus absolut unmöglich ist; andererseits aber dass
die Grausamkeiten unserer glorreichen Schlachtfelder und unserer -
Kitchen, quantitativ wie qualitativ jene der physiologischen Labora-
torien bei weitem übertreffen.
	Kann man aber in den Jubel einer Via triumphalis mit Begeiste-
rung einstimmen, kann man sieh dem Geuusse einer leckeren Schüssel
lebendig aufgebrochener Austern, lebendig gesottener Krebse, zu Tode
gehetzten Wildes, einer Pastete aus Fettlebern qualvoll kraukgestopfter
Gänse u. s. w., u. s. w. mit ruhigem Behagen hingeben - nun dann
wird man sieh wohl auch ohne Gewissensskrupel erlauben dürfen,
physiologische Viviseetioueu - die überdies heut zu Tage bei der aus-
gedehnten Anwendung der anaesthetisehen, schmerzstillenden Mittel
selbst den eifrigsten Mitgliedern der Vereine gegen Thierqualerei in
milderem Lichte erscheinen dürften - zu machen, und die dabei zu
Tage tretenden Erscheinungen mit Gemüthsruhe und ungestörter Auf-
merksamkeit zu beobachten!
