116 	Die Physiologie als allgemeines Bildnngs-Element.

Behandlung und Darstellung liegen. Auch ist der Um fang des phy-
siologischen Wissensgebiets so bedeutend, dass die richtige Auswahl
und Disposition der zu behandelnden Materien nichts weniger als leicht
und selbstverständlich erscheint.
	Soll sich nämlich die Physiologie als ein werthvolles Element des
höheren Bildungsganges, wie ihn die Universität zu bieten und zu ver-
mitteln hat, daselbst bewähren und einbürgern, dann genügt es, wie
ich meine, keineswegs in dogmatischer Weise, ex cathedra, eine
erklärende Uebersicht der Lebenserscheinungen zu geben und die fer-
tigen Resultate der physiologischen Forschung mit mehr oder weniger
rhetorischem Geschick und oratorischem Glanz zu besprechen.
	Es liegt vielmehr in der Eigcnthümlichkcit des Gegenstandes,
dass die so mannigfaltigen und dem gewöhnlichen Sinne so unzugäng-
lichen und fremdartigen Vorgänge, um deren Erkcnntniss und Erklä-
rung sich's handelt, sowie die Methoden und Hilfsmittel, welche die
physiologische Forschung zur Erreichung ihrer Ziele anwendet, der
unmittelbaren Anschauung dcrZuhörer im Detail dargeboten
werden müssen, wenn sie, zu innigem Vcrständniss gebracht, jene
aufklärenden und veredelnden Wirkungen in den Geistern hervor-
bringen und hinterlassen sollen, welche von der eingehenden Beschäf-
tigung mit der modernen Physiologie sicher zu erwarten sind.
	Dazu kommt noch, dass, indem die Physiologie alle Lebens-
äusserungen als Verrichtungen bestimmter Organe festzustellen und
aus den elementaren Bedingungen, d. h. aus dem anatomischen Ban
und der physikalisch-chemischen Constitution derselben mit Nothwcn-
digkeit herzuleiten - oder was dasselbe sagen will - nach mecha-
nischen Principicn zu erklären hat, der Vortrag, welcher bei dem
gemischten Zuhörerkreise keinerlei speeiellc Fachkenntnisse voraus-
setzen darf, mit der Darstellung der descriptivcn und mikroskopischen
Anatomie und der physikalisch-chemischen Eigenschaften der func-
tionirenden Theile beginnen mass.
	Auch bei diesen Darstellungen ist es wieder nur die unmittel-
bare Anschauung, welche ein eingehendes und richtiges Vcr-
ständniss zu vermitteln im Stande ist.
	Die physiologischen Vorträge, welche ich in den drei letzten
Jahren im akademischen »Rosensaale« zu Jena gehalten und kürzlich
durch den Druck veröffentlicht habe 1), können eine beiläufige Vorstel-
lung von der Art geben, wie ich mir die Behandlung und Darstellung
	1 CzERMAK: Populäre physiologische Vorträge, gehalten im akademischen
Rosensaale zu Jena in den Jahren 1867-69. Mit 3 Tafeln und 31 llolzschnittcn.
Wien, K. Czcrmak, 1869.
