	Die Physiologie als allgemeines Bildungs-Element.	109

oder nur theilweiseu Gelingens einen positiven Werth - und darin
eben liegt die ausschliessliche Berechtigung der gegenwrtigen Rich-
tung der physiologischen Forschung.
Indem die moderne Physiologie eine mechanische Erklrung des
Lebens anstrebt, verwendet sie, wie jede erklrende Naturwissenschaft
zwei Hilfsmittel der Untersuchung: die B e o b a eh tun g und das E x -
per im en t.
	Die physiologische Beobachtung besteht darin, dass der
Forscher seine gespannte Aufmerksamkeit auf die Vernderungen und
Vorgnge richtet, welche whrend des Ablaufs des Lebens an und in
den Organismen seiner sinnlichen Wahrnehmung entweder von selbst
sieh darbieten, oder die er derselben durch absichtliches Eindringen
ins Innere des lebenden Krpers erst zugnglich machen muss; letz-
teres z. B. durch optische oder akustische Apparate, wie den Augen-
spiegel, den Kehlkopfspiegel, das Stethoskop, Plessimeter etc. etc.,
oder unmittelbar durch schneidende Instrumente, wie bei der Vivi-
section im engeren Sinne.
	Zugleich zieht er alle Hilfsmittel herbei, welche geeignet sind,
einerseits die Leistungsfhigkeit der beobachtenden Sinne fr die Er-
fassung der minimalsten Unterschiede der Erscheinung und ihrer zeit-
lichen und rumlichen Verhltnisse zu steigern und zu schrfen,
andererseits die zu beobachtenden Erscheinungen selbst deutlicher
wahrnehmbar zu machen.
	Ich will hier nur an das Mikroskop erinnern und an die ausge-
dehnte Anwendung der graphischen Methode zu physiologischen
Zwecken, durch welche viele der flchtigsten Erscheinungen sich selbst
in Form von Curven mit grsster Genauigkeit registriren und fixiren.
(Kymograph, Sphygmograph, Kardiograph, Myograph, Phonauto-
graph.)
	Durch Benutzung der gegenwrtig so reichen und geschrften
Hilfsmittel der Beobachtung gelangt die physiologische Forschung zur
genauen Keuntniss und Feststellung der gcsammtcn Lebenserschei-
nungen.
	Aber die blosse Beobachtung, so genau und geschrft sie auch
sein mag, gengt an si eh noch nicht zur Ermittelung der Ursachen
und Gesetze der Erscheinungen, welche eine befriedigende Erklrung
des Lebens ermglichen sollen.
	Zu diesem Ende muss sieh die Beobachtung mit dem Experi-
m en t combiuiren.
	Dieses besteht in einer planmssigen Zergliederung der causalen
Bedingungen der einzelnen Erscheinungen, und diese Zergliederung
