﻿154
Ueber das Wesen der NerventhUtigkeit.
sondern diese Verschiebung ist überdies eine ungleichmässige, für jede Nervenlänge verschiedene.
Eine ähnliche Verwirrung der Zeitverhältnisse findet — allerdings in kolossalem Maassstabe — der irdische Beobachter, wenn er einen Blick auf den gestirnten Himmel wirft. Er sieht da Verhältnisse in demselben Augenblicke neben einander, welche Hunderte, ja Tausende von Jahren auseinander liegen, indem die Entfernungen der Fixsterne von der Erde so ungeheuer gross und so verschieden sind, dass das Licht so ungeheure und so verschiedene Zeiten braucht, um bis zur Erde zu gelangen.
Nur den geringenDimensionen unseres Körpers und der beschränkten Schärfe unseres Wahrnehmungsvermögens für Zeitunterschiede haben wir es daher zu danken, dass sich die Langsamkeit des Depe-schenwechsels in unseren motorischen und sensitiven Nervenbahnen im gewöhnlichen Verkehre mit der Aussenwelt in keiner Weise störend bemerklich macht.
Würden sich jedoch entweder das Wahrnehmungsvermögen für Zeitunterschiede steigern oder die Dimensionen des menschlichen Körpers zu jenen abenteuerlichen Riesengestalten. welche die indische Phantasie geboren hat, mit ihren meilenlangen Gliedern ausdelmen, so würden auch die Vorgänge des animalen Lebens dieser Organismen sofort in eine solche zeitliche Verwirrung geratlien, dass ihre Beziehungen zur Aussenwelt vollständig sinnlos, ja unmöglich werden müssten.
Diese sonderbaren Consequenzen, welche sich aus der ermittelten geringen Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Nervenerregung mit Noth-wendigkeit ergeben, wollte ich — obschon sie, wie gesagt, von keiner praktischen Bedeutung sind—nicht ganz mit Stillschweigen übergehen, weil sie nicht verfehlen können, unsere Verwunderung zu erwecken.
Wichtiger für unseren Zweck ist der Schluss, welchen wir uns aus diesen Thatsachen auf das eigentliche Wesen der Nervenerregung erlauben dürfen.
Dieselbe gehört nämlich, eben wegen der geringen Geschwindigkeit, mit der sie sich fortpflanzt, offenbar in jene Kategorie der früher erwähnten Bewegungsvorgänge, zu welcher die Schallleitung und das Abbrennen einer Mine zu rechnen sind. Sie besteht also wie diese in Bewegungen der kleinsten grobmateriellen Theilclien oder Molecule, welche die Nervensubstanz zusammensetzen. Denn wäre das materielle Substrat der Nervenerregung von jener ätherischen unwägbaren Beschaffenheit wie das Substrat der Lichtbewegung, so dürfte dieser Vorgang nicht verhältnissmässig so träge in den Nervenbahnen fortschleichen.