	Heber das Wesen der Nerventlitigkeit.	153

erst dann etwas erfahren, wenn derselbe gar nicht mehr vorhanden ist.
Wir empfinden aber eine momentane elektrische Entladung darum erst
zu einer Zeit, wo dieselbe gar nicht mehr existirt, weil die Erregung,
welche die Seele von der Strung des elektrischen Gleichgewichts be-
nachrichtigen soll, eine weit lngere Zeit braucht, um auf der betref-
fenden Nervenbahn von der Fingerspitze z. B. bis ins Gehirn zu ge-
langen, als jene momentane Strung dauert. Wir empfinden also in
diesem Falle etwas als gegenwrtig, was bereits der Vergangenheit
angehrt, und so ist es immer und mit allen unseren Wahrnehmungen
der Fall.
	Den Schall sind wir gewohnt die Rolle des nachhinkenden Boten
spielen zu sehen, weil die tgliche Erfahrung lehrt, dass wir ein in der
Entfernung geschehendes Ereigniss eher sehen als hren: bei einem
Manver z. B. scheu wir als entfernte Zuschauer zuerst den Blitz und
den Pulverdampf der abgefeuerten Geschtze, erst merklich spter
trifft der Kanonendonner unser Ohr.
	Dass es aber mit dem Lichte und unseren Wahrnehmungen,
welche das Nervensystem vermittelt, streng genommen ebenso ist, er-
regt unsere Verwunderung mehr, weil die Zeitunterschiede, welche das
Licht und die Nervenerregung brauchen, um einerseits die in der tg-
lichen Erfahrung vorkommenden irdischen Dimensionen, andererseits
die geringe Lnge der menschlichen Nervenbahnen zurckzulegen, gar
nicht wahrnehmbar sind.
	Eine weitere Conscquenz des bisher Errterten ist noch die, dass
die Wahrnehmungen gleichzeitiger Ereignisse, welche durch ungleich
lange Nervenbahnen vermittelt werden, in der Zeit anscinandcrfallen
mssen, whrend die ungleichzeitiger Ereignisse unter diesen Um-
stnden gleichzeitig ins Bewusstsein treten knnen, weil die Erregung
offenbar ungleich lange Zeiten braucht, um ungleich lange Nerven-
strecken zurckzulegen. So z. B. wird ein elektrischer Schlag, wel-
cher in demselben Augenblicke einen Hautpunkt im Gesicht und am
Fusse trifft, eher dort als hier empfunden werden mssen, weil der
Weg vom Gesicht bis ins Gehirn viel krzer ist als vom Fuss bis ins
Gehirn.
	Freilich sind die Unterschiede in der Lnge der Nervenbahnen viel
zu gering, als dass sich diese Verwirrung der zeitlichen Verhltnisse
in strender Weise geltend machen knnte, darum existirt aber diese
Verwirrung doch-denn wir haben sie mit Nothwendigkeit erschlossen
und abgeleitet.
	Mit unseren Wahrnehmungen und Empfindungen sind wir daher
nicht nur immer einen kleinen Schritt hinter der Wirklichkeit zurck,
